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Leni Riefenstahl:
Die Macht der Bilder

(The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl)

Farb- / SW-Film,  197 Minuten; 
Deutschland, England, Belgien, 1993

Regie: Ray Müller

Mit diesem über drei Stunden langen Werk, welches den Interessierten in seinen Bann zieht und das trotz der Länge des Films nie Langeweile aufkommen läßt, ist Ray Müller eine der beeindruckendsten Dokumentar-Biographien der Filmgeschichte gelungen. Dieser Film hat sicher zur weltweiten (sogenannten) Renaissance von Leni Riefenstahl und dem Beginn einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit und dem Werk Leni Riefenstahls einen erheblichen Anteil beigetragen.

Der aus zwei Teilen bestehende Film orientiert sich in seiner chronologischen Biographie an den bekannten Wirkungs- und Schaffensperioden von Leni Riefenstahl, der Tänzerin, der Schauspielerin, der Regisseurin, der Fotografin und schließlich der Taucherin. Insgesamt nimmt der Abschnitt über die Regisseurin, der sicherlich auch den künstlerisch und geschichtlich bedeutendsten Lebensabschnitt Leni Riefenstahls darstellt, den größten Raum ein, und dies obwohl Leni Riefenstahl letztendlich nur fünf große Filme als Regisseurin geschaffen hat.

Nach einem sehr kurzen Abschnitt zur Tanzkarriere Leni Riefenstahls leitet der Film mit der bekannten Schilderung des Schlüsselerlebnisses mit dem Filmplakat „Der Berg des Schicksals“ zur Schauspiel-Karriere Leni Riefenstahls in den Bergfilmen von Arnold Fanck über. Ein biografisch äußerst bedeutsamer Wendepunkt stellt dann die Fertigstellung ihrer ersten eigenen Regiearbeit dar, der Film „Das blaue Licht“, über den Adolf Hitler auf die junge Schauspielerin und Regisseurin aufmerksam wird. Schwerpunkt des ersten Teils dieses Dokumentarfilms ist schließlich Leni Riefenstahls Arbeit als Regisseurin im Zeitraum zwischen 1933 und 1940, in dem die berühmten Filme „Triumph des Willens“ (1935) und „Olympia – Fest der Völker – Fest der Schönheit“ (1938) entstehen. Zentral ist die Aussage Leni Riefenstahls, daß sie als politisch uninteressierte Künstlerin nur dokumentarische Filme geschaffen hat und keine formal-gestalterischen Einflüsse, insbesondere auf die Parteitagsfilme, genommen hat. Zahlreiche Filmausschnitte aus den Parteitags-Filmen ergänzen die angeregte Diskussion, insbesondere über "Triumph des Willens". Beeindruckend sind die Szenen, in denen Leni Riefenstahl am Schneidetisch in ihrem Haus mit Stolz und Begeisterung filmtechnische und gestalterische Details von „Triumph des Willens“ erläutert. 

Der zweite Teil des Films beginnt mit Film-Ausschnitten aus dem Prolog zu "Olympia - Fest der Völker" und führt Leni Riefenstahl zusammen mit Walter Frentz und Guzzi Lantschner an die Original-Drehplätze ins Berliner Olympia-Stadion. Ergänzt durch Filmausschnitte schildert Leni Riefenstahl ausführlich Details der Dreharbeiten und der Arbeit am Film-Schnitt zu den Olympia-Filmen, besonders hervorgehoben seien hier die Szenen zum Turmspringen und zum Marathonlauf.
Ein ausführlicher Interview-Teil befaßt sich mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus, der Kunst in der NS-Zeit und ihrem Schicksal in den Nachkriegsjahren. Zwischen kurzen Szenen der Kriegsjahre schildert die Dokumentation eingehend die Umstände der Entstehung des "Tiefland"-Films, ergänzt durch mehrere Filmausschnitte, die die beinahe märchenhafte Schwarz-Weiß-Bildgestaltung besonders zum Ausdruck bringen. Die heute sehr heiß diskutierte Problematik der Sinti- und Roma-Statisten aus dem Zigeunerlager Maxglan bei Salzburg (kein Konzentrationslager, wie es häufig beschrieben wird!) wird nur kurz gestreift.
Nach Szenen zum 90. Geburtstag, der großen Japan-Ausstellung 1992 , sowie einem USA-Besuch in Las Vegas bei ihren Freunden Siegfried & Roy, leitet der Film über zur Karriere Leni Riefenstahls als Fotografin. Dieser Lebensabschnitt beginnt mit ihrer Reise in den Sudan zu den Volksstämmen der Nuba im Jahr 1962. Während mehrerer Besuche in den folgenden Jahren entstehen hier die berühmten Nuba-Fotografien und der Film zeigt erstmals auch Ausschnitte von zusätzlich gedrehtem Film-Material.
Der letzte größere Beitrag in dieser Dokumentation behandelt Leni Riefenstahls Beschäftigung mit dem Tauchen und der Unterwasser-Fotografie, wofür sie noch mit 71 Jahren die Tauchprüfung absolviert.

Abschließend stellt Ray Müller im direkten Gespräch noch einmal die Frage eines Schuldeingeständnisses und Leni Riefenstahls Antwort soll hier im Zitat wörtlich wiedergegeben werden: 

R.M.: "Manchmal habe ich den Eindruck, die Leute erwarten von Ihnen ein Schuldbekenntnis."
L.R.: "Ja was verstehen Sie darunter? Wo liegt meine Schuld? Ich kann bedauern, ich bedaure, daß ich den Parteitag-Film '34, den "Triumph des Willens", gemacht habe. Ich bedaure, daß ich ..., ja ich kann doch nicht bedauern, daß ich in der Zeit gelebt habe! Über meine Lippen ist nie ein antisemitisches Wort gekommen, ... auch nicht geschrieben. Ich war niemals antisemitisch und bin deshalb auch nicht in die Partei eingetreten. Also wo liegt denn meine Schuld, sagen Sie mir doch das! Ich habe keine Atombomben geworfen, ich habe niemanden verleumdet! Wo liegt denn meine Schuld?"  -  

 

Ray Müller versucht sich, wie zu Beginn des Films dargelegt, der Person Leni Riefenstahl trotz der allgemein bekannten Vorurteile objektiv und fair zu nähern. "Annäherung an eine Legende", zwischen den Extremen "Demontage des Mythos" und "Revision des Vorurteils". Das Glück, bei dieser Film-Biografie sozusagen authentische Informationen und Schilderungen von der Portraitierten selbst noch bekommen zu können, mit aufschlußreichen Interviews und Bilddokumenten, wird andererseits auch zur Problematik im Bemühen um die intendierte Objektivität. Weil es ein Film mit Leni Riefenstahl und nicht nur über Leni Riefenstahl werden soll, muß Müller, um sich die Kooperation der Künstlerin zu sichern, Kompromisse eingehen, kann nicht alle Fragen im gewünschten Maß diskutieren und muß sicher auch das ein oder andere Thema ausklammern. Auch auf die Auswahl der in Interviews befragten Personen wurde Einfluß genommen. Diese Kompromißbereitschaft wurde und wird von Kritikern des Films immer wieder als Schwachstelle ausgelegt. Trotzdem stellt Müller während des Films immer wieder auch bohrende und kritische Fragen, insbesondere im Zusammenhang mit Leni Riefenstahls Zeit während der NS-Herrschaft. Beispielhaft sind hier die Diskussionen über den Film zum NS-Reichsparteitag 1933 „Der Sieg des Glaubens“ und zu Diskrepanzen ihrer Biografie im Vergleich zu Tagebuchnotizen von Joseph Goebbels zu nennen. Es spricht für den Film, daß diese Szenen, z.B. die Auseinandersetzung auf dem Reichparteitag-Gelände in Nürnberg, oder die Szene zu den Goebbels-Tagebüchern, die sicher auch zu den Highlights des Films zählen, nicht herausgeschnitten wurden. Fragen mit heutzutage weitaus größerer Brisanz, wie zu den „Tiefland-Statisten“, oder auch zu ihrer zweifelhaften Bekanntschaft mit Julius Streicher werden nicht, oder nur beiläufig gestellt. Auch die Szene, in der das Drehbuch fordert, daß Leni Riefenstahl im Gehen sprechen soll, oder die Szene in der sie mit ihrem Regisseur diskutiert, wie die Aufnahme vor einer Bergkulisse in den Dolomiten technisch am besten gelöst werden kann, zeigen, welchen Einfluß Leni Riefenstahl auf den Film zu nehmen versucht und auf welch schwierigem Gelände sich Ray Müller bewegt, um den Film in dieser Weise fertigstellen zu können. Trotz einer wohlwollenden Einstellung bleibt der Regisseur Ray Müller objektiv, liefert dem Zuschauer (zugegeben selektive) Informationen, enthält sich jedoch immer einer persönlichen Wertung, die er der Beurteilung des Betrachters überläßt.

 

 Trotz der Kompromißbereitschaft Ray Müllers wurde der fertige Film von Leni Riefenstahl kritisch beurteilt. Regisseur und Portraitierte wurden jedoch vom großen weltweiten Erfolg des Films sicher überrascht. 
International wurde der Film unter dem Namen „The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl“ aufgeführt und veröffentlicht. Er erhielt weltweit viele Auszeichnungen, unter anderem 1993 den amerikanischen Emmy-Award, einen japanischen Filmpreis und 1994 den "Golden Space Needle Award" beim Seattle International Film Festival.
Persönlich wurde der Film für mich im Jahr 1999 zum Schlüsselerlebnis, das mein Interesse an Leni Riefenstahl
begründete und somit die Basis zur Entstehung dieser Website darstellte.

 

 

 

Der Film ist in Deutschland in der arte-Edition als VHS-Video und als DVD erhältlich.
Die DVD-Version bietet eine um circa 17 Minuten längere Laufzeit, da hier die Beiträge zum 90. Geburtstag, zu einer Foto-Session mit Helmut Newton, zur Japan-Ausstellung 1992, sowie zu einem Besuch in Las Vegas bei ihren Freunden Siegfried & Roy zusätzlich aufgenommen sind.

 

 

  • Video:
    arte-edition / arthaus (Laufzeit ca. 180 Minuten)
  • DVD:
    arte-edition / arthaus (Laufzeit ca. 197 Minuten)

 

 

 

 

 

 

Weitere Links zu interessanten englischsprachigen Rezensionen des Films:

David Starling: The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl
http://bama.ua.edu/~emartin/gwf/student/essay1/starling1.htm

Desson Howe: The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl
http://www.washingtonpost.com/wp-srv/style/longterm/movies/
videos/thewonderfulhorriblelifeofleniriefenstahlnrhowe_a0b052.htm

Gary Morris: Lonesome Leni  -  The Wonderful, Horrible Life of Leni Riefenstahl
http://www.brightlightsfilm.com/26/riefenstahl.html

 

 

 

 

 

 

Japanisches Werbeplakat zum Film "The Wonderful and Horrible Life of Leni Riefenstahl"

 

 

 

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