„Fünf Leben“ heißt
ein Buch über Leni Riefenstahl, und fünf Leben bedurfte es wohl auch, um all
diese Zeiten und Erlebnisse aufzunehmen. Leni Riefenstahls Leben berührte zwei Jahrhunderte,
wäre sie drei Jahre früher geboren, hätte es sogar drei Jahrhunderte
umspannt. Doch einige Jahre später geboren, wäre ihr vielleicht viel Leid
erspart geblieben. Nun ist sie 101-jährig sanft entschlafen und hat hoffentlich
ihren Frieden gefunden.
"Vor wenigen Tagen noch war ich bei kräftigem Nordwind
hier gestanden, fröstelnd
und den Kragen hochgeschlagen,
und hatte mit Bewunderung zugesehen,
wie die Buche gleichmütig im zerrenden Wind stand
und kaum ein Blättchen hingab;
zäh
und tapfer, hart und trotzig
hielt
sie ihr gebleichtes altes Laub zusammen.
Und
jetzt, heute, während ich bei sanfter windstiller Wärme
bei meinem Feuer stand und Holz brach,
sah
ich es geschehen:
es erhob sich ein leiser sanfter Windhauch, ein Atemzug nur,
und
zu Hunderten und Tausenden wehten
die so lang gesparten Blätter dahin,
lautlos,
leicht, willig, müde ihrer Ausdauer,
müde
ihres Trotzes und ihrer Tapferkeit.
Was fünf, sechs Monate festgehalten und Widerstand geleistet hatte,
erlag
in wenigen Minuten einem Nichts, einem Hauch,
weil
die Zeit gekommen, weil
die bittere Ausdauer nicht mehr nötig war.
Hinweg
stob und flatterte es, lächelnd, reif, ohne Kampf."
(Hermann
Hesse, aus: Aprilbrief, 1952)
Fünf Leben,
tausend
Facetten, und doch EIN Mensch.
Leni Riefenstahl war eine
widersprüchliche, polarisierte und polarisierende Persönlichkeit. Herzlich und
liebenswürdig zu ihren Freunden, hart zu ihren Gegnern, vor allem aber auch
gegen sich selbst; im künstlerischen Schaffen professionell, aber im Leben auch
naiv, dies durchaus auch im positiven Sinn; sie fühlte sich auf den Gipfeln der
Berge, in den Wüsten Afrikas und im Wasser der Meere zu Hause; wurde bewundert und gehasst. Allein in
ihrer Kunst kam diese Polarität nicht zum Ausdruck, sie wollte immer das Schöne
und Erhabene darstellen. Das Schöne bedeutete immer einen zentralen Begriff in
ihrem Leben, in ihrer Ästhetik und in ihrem Schaffen. Am Negativen und Hässlichen
zeigte sie nie Interesse, blendete es immer aus. Ihr diese selektive
Grundeinstellung einer einseitig-positiven Sicht des Lebens zum Vorwurf zu
machen, so wie es viele Kritiker tun, erscheint mir unangebracht. Als der
Begriff des Faschismus noch unbekannt war, suchte man ebenfalls schon die
Darstellung des Schönen und Erhabenen in der Kunst. Viele Kritiker, die über
sie urteilen, haben Leni Riefenstahl selbst niemals persönlich kennengelernt,
haben niemals die offene, freundliche und herzliche Art ihres Wesens erlebt.
Wesentliche Kennzeichen
ihrer Persönlichkeit waren der Drang zur Perfektion, der Wunsch nach
Anerkennung und Erfolg, ihr Durchsetzungsvermögen, ihre Beharrlichkeit und ihr
Wille zum Durchhalten, auch in den schlimmsten Phasen ihres Lebens. Ihr persönlicher
Triumph des Willens. Denn nicht nur Ruhm, Anerkennung und Erfolg, sondern auch
herbe Enttäuschungen und scharfe, unversöhnliche und oft auch unfaire Kritik
begleiteten sie in ihrem Leben. Insbesondere in Deutschland wurde Leni
Riefenstahl wie keine andere Person zu einer Projektionsfläche der
Vergangenheitsbewältigung der nationalsozialistischen Zeit. Dies gerade auch
deshalb, weil Leni Riefenstahl sich diesen Fragen und Angriffen in ihrer Heimat
gestellt hat, nicht „abgetaucht“ ist wie andere prominente Persönlichkeiten,
nicht ausgewandert ist, wie zum Beispiel Hans Ertl. Die ihr von den Kritikern
vorgeworfene Uneinsichtigkeit in ihre künstlerische Verantwortung resultierte
einerseits nicht zuletzt aus einer persönlichen Vergangenheitsbewältigung, die
man Leni Riefenstahl offenbar nie zugestand, andererseits ergab sie sich aus
einer zunehmenden Abwehrhaltung gegen die zahlreichen Angriffe. Erst spät
räumte Leni Riefenstahl eigene Fehler ein und bereute ihre Verstrickungen und
Verbindungen mit dem Nationalsozialismus.
Bei all diesen Gedanken
sollte man jedoch nicht ihren außergewöhnlichen Blick und ihr Talent für Bildsprache,
Bildkomposition und künstlerische Gestaltung, ihren Willen, eine perfekte
Kunst zu schaffen, vergessen. Leni Riefenstahl war, ist und bleibt eine der
innovativsten und einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, und
insbesondere ihre beiden Olympia-Filme sind als bahnbrechende Meisterwerke in
Erinnerung. Möge sie ihren angemessenen Platz in der Geschichte finden, möge
ihre Kunst eine faire Bewertung erfahren und mögen
ihre Kritiker den Respekt bewahren, den man einem Menschen schuldet.
Helmut Schmidt, 12.
September 2003
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