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 Leni Riefenstahl  (1902 - 2003)   --   Ein Nachruf

 

„Fünf Leben“ heißt ein Buch über Leni Riefenstahl, und fünf Leben bedurfte es wohl auch, um all diese Zeiten und Erlebnisse aufzunehmen. Leni Riefenstahls Leben berührte zwei Jahrhunderte, wäre sie drei Jahre früher geboren, hätte es sogar drei Jahrhunderte umspannt. Doch einige Jahre später geboren, wäre ihr vielleicht viel Leid erspart geblieben. Nun ist sie 101-jährig sanft entschlafen und hat hoffentlich ihren Frieden gefunden.

 

"Vor wenigen Tagen noch war ich bei kräftigem Nordwind
hier gestanden, fröstelnd und den Kragen hochgeschlagen,
und hatte mit Bewunderung zugesehen,
wie die Buche gleichmütig im zerrenden Wind stand
und kaum ein Blättchen hingab;
zäh und tapfer, hart und trotzig
hielt sie ihr gebleichtes altes Laub zusammen.
Und jetzt, heute, während ich bei sanfter windstiller Wärme
bei meinem Feuer stand und Holz brach,
sah ich es geschehen: 
es erhob sich ein leiser sanfter Windhauch, ein Atemzug nur,
und zu Hunderten und Tausenden wehten
die so lang gesparten Blätter dahin,
lautlos, leicht, willig, müde ihrer Ausdauer,
müde ihres Trotzes und ihrer Tapferkeit.
Was fünf, sechs Monate festgehalten und Widerstand geleistet hatte,
erlag in wenigen Minuten einem Nichts, einem Hauch,
weil die Zeit gekommen, weil die bittere Ausdauer nicht mehr nötig war. 
Hinweg stob und flatterte es, lächelnd, reif, ohne Kampf."

(Hermann Hesse, aus: Aprilbrief, 1952)

 

 

Fünf Leben, tausend Facetten, und doch EIN Mensch. 

Leni Riefenstahl war eine widersprüchliche, polarisierte und polarisierende Persönlichkeit. Herzlich und liebenswürdig zu ihren Freunden, hart zu ihren Gegnern, vor allem aber auch gegen sich selbst; im künstlerischen Schaffen professionell, aber im Leben auch naiv, dies durchaus auch im positiven Sinn; sie fühlte sich auf den Gipfeln der Berge, in den Wüsten Afrikas und im Wasser der Meere zu Hause; wurde bewundert und gehasst. Allein in ihrer Kunst kam diese Polarität nicht zum Ausdruck, sie wollte immer das Schöne und Erhabene darstellen. Das Schöne bedeutete immer einen zentralen Begriff in ihrem Leben, in ihrer Ästhetik und in ihrem Schaffen. Am Negativen und Hässlichen zeigte sie nie Interesse, blendete es immer aus. Ihr diese selektive Grundeinstellung einer einseitig-positiven Sicht des Lebens zum Vorwurf zu machen, so wie es viele Kritiker tun, erscheint mir unangebracht. Als der Begriff des Faschismus noch unbekannt war, suchte man ebenfalls schon die Darstellung des Schönen und Erhabenen in der Kunst. Viele Kritiker, die über sie urteilen, haben Leni Riefenstahl selbst niemals persönlich kennengelernt, haben niemals die offene, freundliche und herzliche Art ihres Wesens erlebt.

Wesentliche Kennzeichen ihrer Persönlichkeit waren der Drang zur Perfektion, der Wunsch nach Anerkennung und Erfolg, ihr Durchsetzungsvermögen, ihre Beharrlichkeit und ihr Wille zum Durchhalten, auch in den schlimmsten Phasen ihres Lebens. Ihr persönlicher Triumph des Willens. Denn nicht nur Ruhm, Anerkennung und Erfolg, sondern auch herbe Enttäuschungen und scharfe, unversöhnliche und oft auch unfaire Kritik begleiteten sie in ihrem Leben. Insbesondere in Deutschland wurde Leni Riefenstahl wie keine andere Person zu einer Projektionsfläche der Vergangenheitsbewältigung der nationalsozialistischen Zeit. Dies gerade auch deshalb, weil Leni Riefenstahl sich diesen Fragen und Angriffen in ihrer Heimat gestellt hat, nicht „abgetaucht“ ist wie andere prominente Persönlichkeiten, nicht ausgewandert ist, wie zum Beispiel Hans Ertl. Die ihr von den Kritikern vorgeworfene Uneinsichtigkeit in ihre künstlerische Verantwortung resultierte einerseits nicht zuletzt aus einer persönlichen Vergangenheitsbewältigung, die man Leni Riefenstahl offenbar nie zugestand, andererseits ergab sie sich aus einer zunehmenden Abwehrhaltung gegen die zahlreichen Angriffe. Erst spät räumte Leni Riefenstahl eigene Fehler ein und bereute ihre Verstrickungen und Verbindungen mit dem Nationalsozialismus. 

Bei all diesen Gedanken sollte man jedoch nicht ihren außergewöhnlichen Blick und ihr Talent für Bildsprache, Bildkomposition und künstlerische Gestaltung, ihren Willen, eine perfekte Kunst zu schaffen, vergessen. Leni Riefenstahl war, ist und bleibt eine der innovativsten und einflussreichsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, und insbesondere ihre beiden Olympia-Filme sind als bahnbrechende Meisterwerke in Erinnerung. Möge sie ihren angemessenen Platz in der Geschichte finden, möge ihre Kunst eine faire Bewertung erfahren und mögen ihre Kritiker den Respekt bewahren, den man einem Menschen schuldet.

 

Helmut Schmidt, 12. September 2003

 

 

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