Beim Lesen der
Memoiren von Leni Riefenstahl haben wir eine subjektive
Auswahl kurzer Textzitate getroffen, die unserer Meinung nach
durch ihre Authentizität viel zum besseren Verständnis
beitragen können, auch wenn sie nun aus dem Zusammenhang
genommen sind. Durch die Seitenangaben ist jedoch der Kontext
in den Memoiren rasch zugänglich.
Die
Seitenangaben in Klammern beziehen sich auf die gebundene
Ausgabe aus dem Albrecht Knaus - Verlag / München Hamburg
1987.
"Es kommt mir
vor, als hätte ich viele Leben gelebt, die mich durch Höhen
und Tiefen führten und nie zur Ruhe kommen ließen - gleich
den Wellen eines Ozeans. Immer war ich auf der Suche nach dem
Ungewöhnlichen, dem Wunderbaren und den Geheimnissen des
Lebens." (S. 15)
"Schon immer
hatte ich die Angewohnheit, mich nur mit dem zu befassen, was
mich interessierte. Alles andere nahm ich kaum wahr, ich
spann mich ein in meine eigene Welt." (S. 27/28)
"Daß
der Weltkrieg inzwischen beendet war, daß wir ihn verloren
hatten, daß eine Revolution stattfand, es keinen Kaiser und
keinen König mehr gab, dies alles erlebte ich nur wie im
Nebel. Mein Bewußtsein kreiste um eine kleine winzige Welt."
(S. 28)
"Niemals wollte
ich in meinem Leben von irgend jemand abhängig werden."
(S. 30)
"Ich wünschte,
ich wäre ein Mann, dann wäre es leichter, meine Pläne zu
verwirklichen... " (aus einem Brief an die
Jugendfreundin Alice; S. 36)
"In dieser Zeit
sah ich den Film, der alle bisher gesehenen Filme in den
Schatten stellte: "Panzerkreuzer Potemkin" von
Sergej M. Eisenstein. .... Die Wirkung war ungeheuer,
Technik, Fotografie und Personenführung revolutionär. Zum
ersten Mal wurde mir bewußt, daß Film auch Kunst sein könnte."
(S. 106)
"Alle Themen der
Fanckfilme waren realistisch, nicht aber seine Fotografie,
die in erster Linie "schön" sein mußte. Immer
sollte die Sonne scheinen, und die Aufnahmen, auch wenn es
nicht zur Szene paßte, mußten "schön" sein. Das
hat mich oft gestört, und ich empfand es als Stilbruch. ....
Erst wenn Thema und Bildgestaltung ein und dasselbe ausdrücken,
entsteht eine Stileinheit." (S. 141)
"Auch ich hatte
bis zum Frühsommer 1932 in einer Traumwelt gelebt, die harte
Wirklichkeit der Zeit ignoriert und Ereignisse wie den Ersten
Weltkrieg mit seinen dramatischen Folgeerscheinungen nicht
wahrgenommen." (S. 151)
"Obgleich ich
vieles in der Rede nicht verstand, wirkte sie auf mich
faszinierend. Ein Trommelfeuer prasselte auf die Zuhörer
nieder, und ich spürte, sie waren diesem Mann verfallen."
(anläßlich einer Rede Hitlers im Berliner Sportpalast 1932;
S. 152)
"Ohne die
Freundschaft mit Manfred George wäre ich vielleicht tiefer
in die nationalsozialistischen Ideen verstrickt worden. ....
George hatte in unseren Gesprächen durchaus Verständnis, daß
ich von Hitlers Persönlichkeit beeindruckt war. Ich machte
allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen Hitlers
politischen Vorstellungen und seiner Person. .... Seine
rassistischen Ideen lehnte ich ohne Einschränkung ab,
deshalb hätte ich auch nie in die NSDAP eintreten können,
seine sozialistischen Pläne begrüßte ich. Die Vorstellung,
daß es Hitler gelingen könnte, die ungeheure
Arbeitslosigkeit, die schon über sechs Millionen unglücklich
und verzweifelt machte, abzubauen, war für mich das
Entscheidende. Die Rassenlehre, so glaubten damals viele, sei
nur eine Theorie und nichts als Wahlpropaganda." (S. 153)
Noch nie hatte ich
jemand kennengelernt, der eine solche Überzeugungskraft besaß
und Menschen so beeinflussen konnte. (Nach einen
Zusammentreffen mit Hitler im November 1932 in München). (S.
184)
Hitler hatte nun sein
Ziel erreicht, und als Reichskanzler interessierte er mich
weit weniger als vor der "Machtübernahme". (S. 193)
Daß Hitler
Reichskanzler geworden war, hatten wir auch am Bernina Paß
erfahren, nichts aber von den Bücherverbrennungen im Mai vor
der Universität und den beginnenden Diffamierungen der Juden
mit ihrem ersten Boykott in allen Städten. Ich war zutiefst bestürzt und beunruhigt. .... Von immer mehr Freunden und
Bekannten hörte ich, daß sie Deutschland verlassen hatten.
.... Nachdem Hitler an der Macht war, wollte ich keine
Verbindung mehr mit ihm haben. (S. 194)
Hatte Hitler nicht
verstanden, wie unglücklich mich sein Auftrag eines solchen
Dokumentarfilms machen mußte? Mein leidenschaftlicher Wunsch
war es doch, als Schauspielerin zu arbeiten. Dieser Auftrag
war eine Bürde, alles andere als eine Verlockung, wie später
immer wieder behauptet wurde. (S.205)
Der mir sooft gemachte
Vorwurf, ich hätte Propagandafilme gemacht, ist abwegig. Es
war ein Dokumentarfilm, was einen großen Unterschied macht:
Niemand, auch nicht die Partei, hatte mir irgendeine
Anweisung, wie ich den Film machen sollte, gegeben. Auch
wurden die Aufnahmen nicht für die Kamera gestellt. Das mir
zur Verfügung stehende Filmmaterial - wir hatten nur 12000
Meter zur Verfügung - bestand aus Dokumentar-Aufnahmen, die
nur während des Parteitags an Ort und Stelle gemacht wurden.
An Propaganda habe ich während meiner Arbeit nicht einen
Augenblick gedacht. (S. 209/210)
Trotzdem habe ich bei
dieser Arbeit (Anm.: "Triumph des Willens")
wichtige Erfahrungen gemacht. Ich entdeckte in mir eine
gewisse Begabung für Dokumentarfilme, was ich nicht gewußt
hatte. Ich erlebte den Reiz, den man verspürt, wenn man
reale Geschehnisse, ohne sie zu verfälschen, filmisch
gestalten kann. (S. 225)
Plötzlich sah ich,
wie die alten Ruinen der klassischen Olympia-Stätten langsam
aus den Nebelschwaden herausblenden und die griechischen
Tempel und Plastiken vorbeiziehen, Achilles und Aphrodite,
Medusa und Zeus, Apollo und Paris, und dann erschien der
Diskuswerfer Myron. Ich träumte, wie er sich in einen
Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt und in
Zeitlupentempo beginnt, den Diskus zu schwingen - die Statuen
verwandelten sich in griechische Tempeltänzerinnen, die sich
in Flammen auflösen, das Olympische Feuer, an dem die Fackel
entzündet und vom Zeustempel bis in das moderne Berlin von
1936 getragen wird - eine Brücke von der Antike zur Neuzeit.
So erlebte ich visionär den Prolog meines Olympiafilms. (S.
238/239)
... der Olympiafilm
sollte ein künstlerischer Film werden, der noch nach Jahren
seinen Wert hat. (S. 240)
Man müßte auswählen,
weglassen, Schwerpunkte setzen, das Wesentliche zeigen und
auf Unwesentliches verzichten. Aber wie sollte ich vorher
wissen, was sich als wichtig oder unwichtig herausstellen und
bei welchem Vorlauf vielleicht ein Weltrekord aufgestellt würde.
Das hieß, man müßte fast alles filmen, und dies aus allen
nur erdenklichen Perspektiven. Und dann die Sklavenarbeit im
Schneideraum. (S. 241)
Überraschend hatte
Goebbels sich entschlossen, auch einen Olympiafilm (Anm.: über
die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen)
zu machen. .... Für mich gab es keinen Zweifel, daß er mir
beweisen wollte, wie gut und wie schnell man einen
Olympiafilm drehen kann. .... Dem Goebbels-Film war kein
Erfolg beschieden, obgleich ich Herrn Weidemann einige meiner
besten Kameraleute, wie Hans Ertl, zur Verfügung stellen mußte.
Trotz phantastischer Aufnahmen und der eindrucksvollen
Unterstützung durch das Propagandaministerium wurde der Film
im Olympischen Dorf, als er dort im Juli 1936 zum ersten Mal
vor den Olympiateilnehmern gezeigt wurde, ausgepfiffen. Das
zeigt, wie schwierig es ist, trotz bester Kameraleute und
aller technischer Hilfsmittel, einen guten Sportfilm zu
machen. Ich hatte das Problem noch vor mir. (S. 252/253)
Vor der Arbeit der
Aufnahmeleiter habe ich höchsten Respekt. Was diese Männer
leisten, ist bewundernswert und übertrifft manchmal die
Arbeit der Regisseure. (S. 264)
Von nun an hat mich
die Arbeit aufgefressen. Ich habe diese Olympischen Spiele
kaum miterleben können. Oft hatte ich keine Ahnung, was ich
ereignete. Zum Beispiel habe ich die Tragödie der deutschen
Frauenstaffel .... nicht erlebt. Ich mußte an vielen Stellen
zugleich sein. Erst im Schneideraum habe ich diese Szene
gesehen. (S. 267)
Etwa 15000 - 16000
Meter Material wurden täglich kopiert, angesehen und
beurteilt. So konnte ich jeden Tag, je nach Resultat, die
Einsätze der Kameramänner wechseln. Die gut arbeitenden
Operateure erhielten die schwierigen Aufnahmeplätze, die
unbegabten die weniger wichtigen. Nur fünf Minuten hatte ich
für jeden Kameramann Zeit, um ihm seine Aufgaben für den
kommenden Tag zuzuweisen. Diese Besprechungen endeten nie vor
zwei Uhr nachts. (S. 269)
Die Dramatik dieses
Laufes, den die Kameraleute mit einem Auto begleiteten, habe
ich erst am Schneidetisch erlebt. Das Material war so
hervorragend gelungen, daß der Marathonlauf einer der Höhepunkte
des Olympiafilms wurde. (S. 271)
Vortrag: "Ist
Film Kunst?" - Centre-Marcellin
Berthelot - Paris - Januar 1939
(S. 233-235)
Fortsetzung
in Vorbereitung