Diese Biografie basiert
überwiegend auf dem Memoiren-Buch von Leni Riefenstahl.
Diese Grundlage ist sicher subjektiv und daher kritisch zu
betrachten, sie erscheint uns aber zumindest als Orientierung und
chronologische Leitlinie dieser (noch im Aufbau befindlichen) Biografie sehr
wertvoll..
Unterkapitel (Textmarken):
1.
Jugend und Tanz
(1902-1924)
2. Schicksalsberge -
Schicksalsfilme
(1924-1932)
3. Tanz mit dem Teufel (1932-1945)
4. Nachkriegswirren
5. Afrika
6. Wunder unter Wasser
7.
8.Schlußbetrachtung
1902, am 22. August, in Berlin, als
Helene
Amalia Bertha Riefenstahl geboren, wird Leni
Riefenstahl Zeitzeugin eines ganzen Jahrhunderts mit vielen
zeitgeschichtlichen und persönlichen Höhen und Tiefen.
In der von der Familie wohlbehüteten Jugend kommt die
naturverbundene Leni bereits früh mit Sport, Theater und
Tanz in Berührung, und schon hier sind die vielseitigen
Interessen und Begabungen und der heimliche Wunsch, Tänzerin
und Schauspielerin zu werden, erkennbar. Mit 16 Jahren findet
Leni Riefenstahl ihre Liebe zum Tanz und besucht ohne Wissen
des strengen Vaters, unterstützt durch die Mutter, Tanz- und
Ballett-Stunden. Der Auftritt bei einem Schüler-Tanzabend
der Tanzschule Grimm-Reiter führt 1919 über eine
Konfrontation mit dem Vater zur Aufnahme für ein Jahr in ein
Mädchen-Pensionat im Harz, um alle Schauspiel- und Tanz-Ambitionen
zu unterbinden. Doch bereits in diesen jungen Jahren zeigen
sich ihr ungeheuerer Wille und ihre Durchsetzungskraft, die
schließlich auch den Vater einwilligen lassen, die
Tanzausbildung fortzusetzen, sie sogar zu fördern. Nach
intensiver Tanzausbildung in Berlin und Dresden (1921-1923)
hat Leni Riefenstahl ihren ersten öffentlichen Solo-Tanzauftritt
am 23. Oktober in München, dann vier Tage später
in Berlin, wo sie auch den strengen Vater mit all ihrem
Enthusiasmus überzeugt. Nach überwiegend wohlwollenden
Kritiken rasch bekannt geworden folgen eine Fülle von
Engagements und Auftritten, unter anderem im Deutschen
Theater Berlin unter Max Reinhardt. Weitere Auftritte in
Europa schließen sich an, und die bereits enge Beziehung zur
Mutter, die sie auf den Reisen begleitet, vertieft sich. Doch
bereits 1924 beendet eine Knieverletzung die Träume von
einer weiteren Karriere als Tänzerin.
Der Zufall in Form
eines Filmplakates, "Der Berg des Schicksals"
des Freiburger Regisseurs Dr. Arnold
Fanck,
lenkt das Leben von Leni Riefenstahl in völlig andere Bahnen.
Dieser Film mit seiner imposanten neuen Bildsprache von
Naturschönheit, Naturgewalten und dem Kampf des Menschen
beeindruckt die 22-jährige Leni Riefenstahl so stark, daß
sie nun ihre ganze Energie und Leidenschaft daransetzt, diese
für sie völlig neue Welt kennenzulernen. Nach einem
Aufenthalt in den Dolomiten, der sie in ihrem Entschluß an
Bergfilmen mitzuwirken bestärkt, gelingt es ihr, den
Freiburger Regisseur Dr. Arnold Fanck in Berlin
kennenzulernen. Aus dieser Begegnung entspringt diese so
produktive und erfolgreiche Symbiose des Regisseurs Fanck mit
seiner sich zur Alpinistin und Schauspielerin entwickelnden
Hauptdarstellerin Leni Riefenstahl.
Eine Knieoperation, Unglücksfälle im Filmteam und
Witterungsprobleme, die bei den nahezu ausschließlichen Außenaufnahmen
der Fanck'schen Filme eine beträchtliche Rolle spielen, gefährden
und verzögern die Fertigstellung des ersten Projektes - "Der
heilige Berg" -, von Fanck für Leni
Riefenstahl als Hauptdarstellerin und Tänzerin "Diotima"
geschrieben. Bereits hier sammelt Leni Riefenstahl erste
Regie-, Bildschnitt- und Produktionserfahrung. Der Film wird
ein großer Erfolg, doch die letztliche Entscheidung zwischen
Film- und Tanzkarriere, durch zwischenzeitliches Training und
Auftritte als Tänzerin wieder aufgeflammt, fällt Leni
Riefenstahl im Innersten sehr schwer.
Nach der Entscheidung für den Film folgen unter der Regie
von Fanck, neben "Der große Sprung",
die Klassiker des deutschen Bergfilms "Die weiße Hölle vom Piz
Palü" und "Stürme über dem
Montblanc", sowie "Der weiße
Rausch" und zuletzt "SOS Eisberg!".
Aber durch die Zusammenarbeit mit Fanck ist die
Schauspielerkarriere von Leni Riefenstahl auch auf das
Bergfilm-Genre begrenzt. Andere erfolgreiche Engagements
bleiben aus und Visionen und Produktivität von Leni
Riefenstahl werden durch die langen Film-Produktionszeiten
mit ihren teilweise strapaziösen und gefährlichen
Drehbedingungen nicht befriedigend ausgefüllt. Zudem stürzt
sie - nach den vorausgegangenen unglücklichen Liäsionen zu
dem Tennisspieler Otto Froitzheim und dem
Schauspielerkollegen Luis Trenker, neben
erfolglosen Annäherungsversuchen des Bankiers und späteren
Produzenten Harry Sokal sowie von Fanck -
die Beendigung einer langjährigen, harmonischen Beziehung zu
dem Kameramann Hans Schneeberger in ein großes
seelisches Tief. Eine Zeit, die sie selbst als eine der
Schlimmsten ihres Lebens bezeichnet. Die freundschaftliche
Bekanntschaft mit dem Regisseur Josef von Sternberg
hilft ihr über diese Phase hinweg.
Aufgrund der
zunehmenden Unzufriedenheit mit ihren Filmrollen verlagert
sich ihr Interesse auch auf Kameraführung, Filmschnitt und
Regie, und sie beginnt 1931 die Konzeption eines eigenen
Filmprojekts, das ihr weiteres Leben entscheidend
beeinflussen wird: "Das blaue Licht". Finanzielle Engpässe zwingen
sie dazu, neben der Hauptrolle die Erstellung des Drehbuchs (zusammen
mit Béla Balázs), Produktionsleitung und
Regie selbst zu übernehmen. Doch gerade hieraus ergibt sich
die einmalige Chance, im kleinen Team einen an ihren künstlerischen
Vorstellungen und Maßstäben orientierten Film weitgehend
unabhängig von äußeren Zwängen und Beeinflussungen zu
erschaffen; Bedingungen, wie sie ihr bei keinem weiteren
Filmprojekt - trotz größerer finanzieller Mittel - mehr zur
Verfügung standen. Für "Das blaue Licht" gründet
sie 1931 ihre eigene Filmgesellschaft, die L.R. Studio-Film
GmbH. Auch in der Realisierung dieses Filmprojektes kommt
wieder Leni Riefenstahls ungeheuere Zielstrebigkeit und
Beharrlichkeit zum Ausdruck. Nach wochenlanger, von ihr
selbst durchgeführter Schneidearbeit erlebt die Uraufführung
des "Blauen Lichts" am 24. März 1932 in Berlin
einen sensationellen Erfolg, und der Film wird auf der
Biennale in Venedig mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Sie
selbst sieht später in der "Junta", der Hauptrolle
im "Blauen Licht", ihr späteres Schicksal
vorgezeichnet.
Anfang 1932 hört Leni
Riefenstahl erstmals von Adolf Hitler,
besucht aus naivem Interesse eine Parteiveranstaltung der N.S.D.A.P.
im Berliner Sportpalast und ist von der Ausstrahlung Hitlers
auf die Massen fasziniert. Der Auftritt Hitlers läßt in ihr
den Wunsch einer persönlichen Begegnung aufkommen, um zu
versuchen, sich selbst ein Bild von diesem Mann zu
verschaffen. Wider Erwarten erreicht sie durch einen persönlichen
Brief an Hitler ein Zusammentreffen mit ihm unmittelbar vor
ihrer Abreise zu den langen Dreharbeiten für "SOS
Eisberg!" nach Grönland, ihrem letzten Film mit Arnold
Fanck. Bei diesem Treffen in Horumersiel bei Wilhelmshaven
lernt sie Hitler, einen Bewunderer ihrer Filme "Der
heilige Berg" und "Das blaue Licht", in seiner
Diskrepanz von Privatmann und fanatischem Politiker, wie sie
ihn im Sportpalast erstmals gesehen hat, kennen. Schon zu
diesem Zeitpunkt wird sie erstmals mit Hitlers Wunsch, Filme
für seine Partei zu drehen, konfrontiert. Ein Filmangebot
des Vatikans hatte sie erst kurze Zeit zuvor abgelehnt, um
frei zu sein für eigene Filmprojekte.
Am 24. Mai 1932 verläßt
Leni Riefenstahl Deutschland Richtung Grönland zu den
Dreharbeiten für den Film "SOS Eisberg!". Mehrere Monate wird das
Filmteam in Zelten untergebracht in der Nähe von Umanak
verbringen. Schwierige und gefährliche Bedingungen gefährden
und verzögern die Dreharbeiten auf den tückischen Eisbergen.
Aufgrund einer Erkrankung muß Leni Riefenstahl nach den
wichtigsten Aufnahmen Grönland bereits vorzeitig Anfang
September verlassen.
Kurz nach ihrer Rückkehr trifft sie in Berlin erneut mit
Adolf Hitler zusammen, um über Ihre Grönland-Erlebnisse zu
berichten. Durch mehrere Treffen mit Hitler und die
zunehmenden Nachstellungen Joseph Goebbels' sieht sich Leni
Riefenstahl zunehmend in politische Dinge hineingezogen und fühlt
sich im Januar 1933 durch einen Aufenthalt in den Alpen, vor
den in der Schweiz geplanten weiteren Filmaufnahmen zu "SOS
Eisberg", erleichtert und befreit.
Ihr erstes Buch "Kampf in Schnee und Eis", worin sie die Erlebnisse
ihrer bisherigen Film- und Schauspieler-Tätigkeit schildert,
erscheint 1933 reich bebildert bei Hesse & Becker in
Leipzig.
Die Nachricht von der Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933
zum Reichskanzler erhält sie in Davos. Anfang Februar 1933
beginnen die abschließenden Filmaufnahmen zu "SOS
Eisberg" im Bernina-Gebiet und dauern bis Juni in den
Berner Alpen an. worin sie die Erlebnisse
ihrer bisherigen Film- und Schauspieler-Tätigkeit schildert,
erscheint 1933 reich bebildert bei Hesse & Becker in
Leipzig.
Die Nachricht von der Ernennung Hitlers am 30. Januar 1933
zum Reichskanzler erhält sie in Davos. Anfang Februar 1933
beginnen die abschließenden Filmaufnahmen zu "SOS
Eisberg" im Bernina-Gebiet und dauern bis Juni in den
Berner Alpen an.
Nach ihrer Rückkehr
nach Berlin arbeitet sie an dem neuen Projekt "Mademoiselle
Docteur" und lehnt zunächst erneute Filmaufträge
Hitlers ab. Doch der persönliche Druck Hitlers, schon
kurzfristig einen Film über den 5. Reichsparteitag
der NSDAP in Nürnberg (30. August bis 3. September
1933) zu drehen wird immer stärker und nachdem ihr eigenes
Projekt von ministerieller Seite gestoppt wurde, begibt sie
sich schließlich für die Filmarbeiten nach Nürnberg. Kurz
zuvor am 23. August 1933 ist sie von der Hauptabteilung Film
des Reichspropagandaministeriums als "künstlerische
Leiterin" unter der Oberaufsicht des Leiters der
Abteilung Film, Arnold Raether, eingesetzt worden. Über die
ihr zur Verfügung stehende Vorbereitungszeit existieren
heute widersprüchliche Angaben. In Nürnberg sieht sie sich
dann dem Boykott der Mitarbeiter der Filmabteilung
ausgesetzt, die in ihr nur eine unbequeme Konkurrentin befürchten.
Unter Zeitdruck ist sie gezwungen, sich in eigener Regie ohne
offizielle Unterstützung ein improvisiertes kleines Team
zusammenzustellen. Infolge der erschwerten Bedingungen
entsteht ein fragmentarisches Werk, das Leni Riefenstahls
filmkünstlerisch - qualitativen Ansprüchen in keinster
Weise entspricht. Es zeigt jedoch in einigen Details bereits
"stilistisch-kompositorische" Merkmale, die zum
Vorbild für "Triumph des Willens" dienen. Die
Uraufführung von "Sieg des Glaubens"
findet am 1. Dezember 1933 in Berlin unter Beifall von Hitler
und den Parteifunktionären statt und wird von offizieller
Seite als herausragendes Werk gerühmt.
Nach dem Scheitern von
"Mademoiselle Docteur" plant Leni Riefenstahl ihr
größtes Wunschprojekt: Penthesilea, die Amazonenkönigin,
nach einem Drama von Heinrich von Kleist. Doch aus
finanziellen Gründen muß sie sich für Regie und Hauptrolle
in dem ihr von der Terra-Film angebotenen Film "Tiefland",
nach einer Oper von Eugene d'Albert entscheiden, auch in der
Absicht, weiteren Parteiaufträgen auszuweichen. Für die von
ihr bereits erwartete Planung und Herstellung des nächsten
Parteitagfilms 1934 versucht sie den Regisseur Walter
Ruttmann zu verpflichten.
Das Tiefland-Projekt muß jedoch aufgrund von der
Produktionsfirma verschuldeter Desorganisation und Verzögerungen,
sowie letztendlich einer Erkrankung von Leni Riefenstahl in
Spanien noch in der Vorbereitungsphase abgebrochen werden.
Aufgrund des
inhaltlich und filmisch unbrauchbaren Materials der
bisherigen Dreharbeiten Ruttmanns - nach dessen Idee es sich
um eine Dokumentation des Aufstiegs und der Entwicklung der
NSDAP, ergänzt durch Filmaufnahmen vom Parteitag 1934,
handeln soll - entschließt sich Leni Riefenstahl entgegen
der ursprünglichen Konzeption, nur Material vom
Reichsparteitag zu verwenden und auf erneutes Drängen von
Hitler den Film doch selbst herzustellen.
Weit besser vorbereitet und ausgestattet - das Team besteht
diesmal aus 170 Mitarbeitern ! - können die Dreharbeiten zu "Triumph
des Willens" durchgeführt werden. Doch auch
1934 gibt es Behinderungen der Filmarbeiten durch die SA.
Weitere Probleme ergeben sich aus dem Entschluß Leni
Riefenstahls, die Aufnahmen von der erstmals am
Reichsparteitag teilnehmenden Wehrmacht aus qualitativen Gründen
nicht in den Film aufzunehmen. Nach Differenzen mit
Wehrmachtsgenerälen und Hitler setzt sie sich jedoch mit
ihrem Vorschlag durch, zum Ausgleich beim nächsten
Reichsparteitag 1935 einen eigenständigen Kurzfilm über die
Wehrmacht zu erstellen. Der Film "Tag der Freiheit"
stimmt die Wehrmachtsgeneräle wieder versöhnlich.
Die zeitaufwendigen Schneidearbeiten und die
Tonsynchronisation werden von Leni Riefenstahl unter
zunehmendem Zeitdruck in einer erschöpfenden Energieleistung
ausgeführt, um den geplanten Uraufführungstermin am 28. März
1935 einhalten zu können. "Triumph des Willens"
wird schließlich bei der Premiere mit großer Begeisterung
aufgenommen und in der Folge 1935 mit dem nationalen
Filmpreis und auf der Biennale in Venedig mit der
Goldmedaille für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. 1937 erhält der
Film auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille. Mit "Triumph des Willens" ist Leni Riefenstahl ihr
bisher größter Erfolg gelungen, der ihr ein Höchstmaß an
Popularität verschafft, ihr nach 1945 aber auch zum Verhängnis
wird.
Nach einer Phase der
Erholung wird vom IOC und vom Organisationskomitee der XI.
Olympischen Spiele der Wunsch an Leni Riefenstahl
herangetragen, die Olympischen Wettkämpfe 1936 in Berlin in
einem Dokumentarfilm festzuhalten. Nach erster Ablehnung,
erneut einen Dokumentarfilm zu drehen und weiterer
Bedenkzeit, in der sie sich mit der formalen Problematik, ein
solches Großereignis zu dokumentieren, auseinandersetzt,
wird Leni Riefenstahl zunehmend von der Herausforderung
dieses Filmprojekts gefangengenommen. Entgegen der Ratschläge
von Arnold Fanck und trotz vieler ungelöster Fragen und
Selbstzweifel nimmt sie schließlich den Auftrag an. Nach der
nicht ganz einfachen Klärung der Finanzierung des teuren
Filmprojekts beginnt weit im Vorfeld eine minutiöse und
detaillierte Planung mit Probeaufnahmen bei anderen Sportveranstaltungen, um Einstellungen und Filmmaterial zu
testen. Langwierig gestalten sich auch die Verhandlungen mit
den Sportfunktionären um die Kamerapositionen in den Stadien.
Teile der Aufnahmen des Prologs mit dem Fackellauf werden an
den Originalschauplätzen in Griechenland nachgestellt,
andere Sequenzen von Willy Zielke nach Ende
der Olympischen Spiele an der Ostsee gefilmt.
Ein umfangreiches Team von Mitarbeitern wird generalstabsmäßig
von einer eigens nahe den Sportstätten eingerichteten "Einsatzzentrale"
für die jeweiligen Aufgaben eingeteilt und eingewiesen.
Bisher nie gesehene Kameraeinstellungen werden allerdings
auch nur durch Einbindung von Aufnahmen aus dem Training der
Athleten (zum Beispiel Schwimmer, Ruderer, Marathon) möglich.
Die Entscheidung im Stabhochsprung muß sogar wegen der bei
später Stunde unzureichenden Lichtverhältnisse am nächsten
Tag nachgestellt werden, was nur durch Glück und Leni
Riefenstahls Überredungskünste ermöglicht wird.
Kurioserweise werden fehlende Filmsequenzen vom 1500m Finale
des Zehnkampfs mit einzelnen Athleten noch nach Beendigung
der Olympischen Spiele nachgestellt und gedreht.
Trotz Problemen mit Kampfrichtern wegen Kamerapositionen und
erneuten heftigen persönlichen Auseinandersetzungen mit
Joseph Goebbels gelingt Leni Riefenstahl wie bereits bei
"Triumph des Willens" eine neue Form des
Dokumentarfilms, eine Art kompositorische Dokumentation mit
formalen Elementen des Spielfilms, die einen ganz besonderen
Eindruck hinterläßt.
Aus einem riesigen Filmmaterial-Fundus von über 400000
Metern Film werden schließlich in über eineinhalb Jahre
langer Sichtungs-, Archivierungs- und Schneidearbeit die beiden
Teile des Olympia-Films, "Fest der Völker" und
"Fest der Schönheit", fertiggestellt.
Die Uraufführung findet am 20. April (!) 1938 in Berlin
statt.
Mit
"Olympia" hat Leni Riefenstahl den wohl
erfolgreichsten Film in ihrer Karriere geschaffen, er wird
von Kritikern wie dem Publikum gefeiert und die Regisseurin
wird infolgedessen mit dem deutschen Filmpreis 1938 geehrt.
Nach der Welturaufführung und dem Erfolg in Deutschland,
beschließt Leni Riefenstahl mit ihren Olympia-Filmen auf
Europa-Tournee zu gehen, sie reist nach Wien, Graz, Paris, Brüssel,
Kopenhagen, Stockholm, Helsinki, Oslo, Venedig, Rom und
Bukarest, wo "Fest der Völker" und "Fest der
Schönheit" fast ausnahmslos mit überschwenglichem Lob
aufgenommen werden.
Nach den anstrengenden Premierenreisen erhält Leni
Riefenstahl eine Einladung zur Biennale in Venedig, wo "Olympia"
neben Hauptkonkurrenten wie "Schneewittchen" von
Walt Disney oder "Quai de Brumes" von Marcel Carné
zu den nominierten Filmen zählt. Schließlich erhält Leni
Riefenstahl vor den genannten Filmen den "goldenen Löwen"
für "Olympia" als bestem Film.
Im
November 1938 reist Leni Riefenstahl begleitet von dem
Journalisten Ernst Jäger nach Amerika, wo
sie eine Verleihfirma für die Olympia-Filme zu finden
versucht und Kontakte in Hollywood knüpfen möchte. Bei der
Ankunft im Hafen New Yorks wird sie von amerikanischen
Journalisten mit Fragen bestürmt, die eine Stellungnahme zu
den Ereignissen in Deutschland von ihr erwarten. In der Nacht
vom 9. zum 10. November ereignete sich die "Kristallnacht",
bei der zahlreiche Synagogen, jüdische Gebetshäuser, Friedhöfe,
Wohn- und Geschäftshäuser zerstört und ca. 30.000 Menschen
verhaftet worden waren. Leni Riefenstahl, die während der
Schiffsreise nichts vom dem Geschehen in Deutschland hatte
erfahren können, ist ahnungslos und derart erschüttert, daß
sie den Journalisten zunächst keinen Glauben schenkt. Obwohl
sie die Bekanntschaft mit Walt Disney macht und die
Regisseure King Vidor und Henry Ford kennen lernt, wird ihr
Amerika-Aufenthalt zu einem Misserfolg. Die Anti-Nazi-Liga
verhindert aufgrund der Geschehnisse in Deutschland eine Aufführung
der Olympia-Filme in Amerika und boykottiert die Regisseurin.
Trotz dieses Protestes gelingt es ihr dennoch, einen Vertrag
über die Verleihrechte der Olympia-Filme mit einer
englischen Firma, der British Gaumont, abzuschließen.
Im
Januar 1939 hält Leni Riefenstahl in Paris an der "Academie
Francaise" vor mehr als 2000 Personen den Vortrag "Ist
Film Kunst?"
Kurze
Zeit danach gründet Leni Riefenstahl die "Leni
Riefenstahl Film GmbH" und nimmt das nächste
Filmprojekt in Angriff, "Penthesilea".
Bei der Reichsfilmkammer wird "Penthesilea" unter
Nr. 1087 ins Titelregister eingetragen, Leni Riefenstahl
beginnt mit den Vorarbeiten für den Film. Sie verfasst das
Drehbuch nach der Vorlage von Heinrich von Kleist, nimmt
Sprechunterricht und lernt Reiten ohne Sattel, da sie selbst
die Hauptrolle übernehmen möchte. Die renommierten
Theaterschauspielerinnen Elisabeth Flickenschildt und Maria
Koppenhöfer werden für die Rollen der Priesterinnen
verpflichtet. Zudem gewinnt sie den berüchtigten
Theaterregisseur Jürgen Fehling, der unter Gustaf Gründgens
am Preußischen Staatstheater in Berlin arbeitet, für die Co-Regie.
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939
scheitert das Filmprojekt schließlich und wird später
aufgrund der hohen Kosten und der Vorrangigkeit
kriegswichtiger Filme nicht wieder aufgegriffen.
Nur
wenige Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bietet sich Leni
Riefenstahl mit einigen ihrer Mitarbeiter der Wehrmacht als
Kriegsberichterstatterin an, und reist nach Genehmigung des Vorhabens mit
ihren Filmtrupp nach Konskie in Polen, um dort Wochenschauaufnahmen
herzustellen. Am zweiten Tag ihrer Ankunft in Konskie erlebt Leni
Riefenstahl ein Wehrmachtsverbrechen bei dem bei der Beerdigung deutscher
Soldaten, die einen Tag zuvor von polnischen Partisanen getötet worden
waren, polnische Zivilisten von deutschen Soldaten willkürlich erschossen
werden. Fotos von diesem Massaker dokumentieren Entsetzen und einen
Ohnmachtsanfall Leni Riefenstahls. Schockiert von dem Vorfall legt Leni
Riefenstahl ihre Tätigkeit als Kriegsberichterstatterin umgehend nieder und
beschwert sich beim zuständigen General über den Vorfall.
Zurück
in Berlin erfährt Leni Riefenstahl, dass die Filmproduktionsgesellschaft
Tobis das Projekt "Tiefland" erneut zu verfilmen bereit ist,
welches 1934 bereits gescheitert war. Wieder entschließt sich Leni
Riefenstahl dazu, den Film zu realisieren, auch um sich weiteren Aufträgen
Hitlers und Speers, Kriegs- oder Werbefilme zu produzieren, zu entziehen und
verfasst zusammen mit Harald Reinl, der ihr noch aus der Filmzeit mit Fanck
bekannt ist und nun von ihr als Regieassistent eingearbeitet wird, innerhalb
sechs Wochen das Drehbuch zu "Tiefland". Da sie selbst lediglich
die Regie übernehmen möchte, wünscht sie sich Brigitte Horney oder Hilde
Krahl für die weibliche Hauptrolle des Films, doch keine der beiden
Schauspielerinnen steht zur Verfügung, und so entschließt sich Leni
Riefenstahl letztlich dazu, die Rolle der "Martha" selbst zu übernehmen.
Bernhard Minetti, einer der renommiertesten Theaterschauspieler
Deutschlands, der auch dem Ensemble Gustaf Gründgens' am Preußischen
Staatstheater angehört, übernimmt die Rolle des spanischen Großgrundbesitzers
Don Sebastian, Maria Koppenhöfer und Aribert Wäscher werden für die
Nebenrollen der "Donna Amelia" und des "Camillo" verpflichtet.
Für die einzig noch nicht besetzte Rolle, die des Schafshirten Pedro,
entdeckt die Regisseurin zufällig bei einem Aufenthalt in St. Anton am
Arlberg den Laien Franz Eichberger, der an dem alljährlichen
Kandahar-Rennen teilnimmt und für sie die vollkommene Verkörperung dieser
Rolle symbolisiert. Aufgrund seines starken Dialekts und Bedenken des Tobis
besteht Leni Riefenstahl auf Sprachunterricht, um Eichberger schließlich
ebenfalls zu engagieren.
Fortsetzung
in Vorbereitung
Ein so langes und an
Ereignissen so reiches Leben ist außergewöhnlich. Leni
Riefenstahl hat für den Film und die Fotografie viel bewirkt
und hätte vermutlich noch viel mehr bewirken können. In
ihrer facettenreichen Karriere als Tänzerin, Schauspielerin,
Filmemacherin und Fotografin ist sicher der Abschnitt als
Regisseurin der, der ihr am meisten Popularität und Ruhm
verschafft hat. Tragisch ist dabei, daß die Filme, die ihren
großen Erfolg als Regisseurin begründeten, letztlich ihr
auch zum Verhängnis wurden und ihre weitere Karriere als
Filmregisseurin zerstörten.
Sicher hat Leni Riefenstahl vom NS-Regime durch ihre Arbeiten
profitiert. Aber bei aller Kritik an Mitläufertum und naiver
(?) Unterstützung der NS-Propaganda, welche Schuld hat Leni
Riefenstahl auf sich geladen, daß sie lebenslang - vor allem
in Deutschland - so isoliert und boykottiert wurde, sodaß
ihr die Verwirklichung weiterer Filmprojekte unmöglich
gemacht wurde? Wie läßt sich der Einfluß von "Triumph
des Willens" und seine Auswirkung auf die Geschichte,
und damit die Mitschuld von Leni Riefenstahl an den
Verbrechen der NS-Zeit messen und beurteilen?
Vielleicht sollte man die Frage einmal anders herum stellen:
Was wäre verhindert worden oder ausgeblieben, hätte Leni
Riefenstahl diesen Film nicht gedreht? Wäre der
Geschichtsverlauf in andere Bahnen geraten? Angesichts der
Macht, des Einflusses und der Propaganda-Fähigkeiten eines
Joseph Goebbels ist dies wohl zu bezweifeln!
Die Auseinandersetzung mit Leni Riefenstahl und ihrem Werk,
die seit Beginn der neunziger Jahre auch in Deutschland
zunehmend stattfindet - erkennbar an mehreren gut besuchten,
aber auch scharf kritisierten Ausstellungen - ist noch geprägt
von einer deutlichen Polarisierung. Hier stehen sich meist
der Standpunkt einer grundsätzlichen Ablehnung und der einer
verklärten Bewunderung gegenüber. Es ist zu hoffen, daß
hier im Lauf der Zeit ein objektiver Ausgleich stattfindet,
und Leni Riefenstahl eine ihrem Leben und Werk adäquate
Beurteilung und Wertschätzung, befreit von ideologischen
Vorstellungen, erfährt.
(H.S. & S.N.)