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Leni Riefenstahl: Ist Film Kunst?


Vortrag, gehalten im Centre-Marcellin Berthelot - Paris  -  Januar 1939

(Quelle: Leni Riefenstahl: Memoiren /  Albrecht Knaus-Verlag - München Hamburg 1987 - Seite 333-335).

"Ich bejahe diese Frage. der Film ist eine Kunst wie andere Künste auch, aber sie steckt noch in den Kinderschuhen. Er hat aber alle Voraussetzungen, ein ebenso künstlerisches Erlebnis zu werden, wie es das Schaffen eines Rodin, eines Beethovens, Leonardo da Vinci oder Shakespeare vermitteln kann. Allerdings nicht der Film, den wir heute kennen, sondern der Film, den es erst in der Zukunft geben wird. Selbst die besten aller Filme, die wir bisher gesehen haben, lassen nur ahnen, was der Film als Kunstwerk für Möglichkeiten hat.

    Diese neue Kunst ist von den andren Künsten unabhängig. Es wäre nicht richtig zu sagen, die Filmkunst sei besonders verbunden mit der Malerei oder der Musik, oder der Literatur - nein - sie berührt zwar diese Kunstarten, aber das Wort, das die Filmkunst charakterisiert, ist <filmisch>. Unter <filmisch> verstehe ich vor allem bewegte Bilder, was keine andere Kunstart zu bieten hat, nur der Film ist bewegtes Bild. Er hat seine eigenen Gesetze. Bei einem künstlerischen Film muß alles nach diesen Gesetzen geschaffen sein, das Thema, die Regie, die Darstellung, die Fotografie, die Architektur, der Ton und der Schnitt. Ein absolut sicheres Stilgefühl ist das Wichtigste, was ein Regisseur haben sollte.

    Eine weitere wichtige Voraussetzung für einen Filmregisseur ist, daß er ein Gefühl für Dynamik, Aufbau und Rhythmus hat. Die Verteilung der Höhepunkte in einem Film ist von großer Bedeutung - Spannung und Entspannung muß man im richtigen Wechsel finden. Die Bildfolge kann durch den Bildschnitt hundertfach verändert werden. Ist der Filmregisseur, der eigentlich auch immer der Cutter seines Films sein sollte, ein musikalisch begabter Mensch, dann komponiert er mit den Bildern und Tönen wie ein Musiker nach den Gesetzen des Kontrapunktes.

    Der Cutter kann die Bilder im wilden Rhythmus tanzen oder in traumhafter Langsamkeit vorbeiziehen lassen, er kann aus den Bildern eine Orgie sinnloser Zufälligkeiten dichten und er kann mit denselben Bildern eine logisch klare Handlung aufbauen.

    Der Regisseur - Gestalter des Ganzen - müßte im Idealfall alles beherrschen. Ein Gemälde kann nicht von vielen Händen gemalt, eine Sinfonie nicht von verschiedenen Musikern komponiert werden. Die Beherrschung aller Mittel ist erste Voraussetzung, um ein Kunstwerk zu schaffen, leidenschaftliche Visionen sind mehr Trieb als Vernunft - ideal, wenn beides zueinander im Gleichgewicht ist. Der schöpferische Prozeß, die Geburt kann chaotisch sein, die spätere Formung, die Verwirklichung und Ausführung, bewußt.

    Sind diese Vorbedingungen gegeben, dann ist es möglich, mit dieser <jüngsten> aller Künste ebenso große Kunstwerke zu schaffen wie mit der Architektur, der Musik, der Malerei.

    Was unterscheidet Film von den anderen Künsten? Er ist in erster Linie bewegtes Bild, das bedeutet, die Grundelemente sind Bild und Bewegung, und zwar untrennbar miteinander verbunden, das heißt, der Film kann Kunst sein, wenn er nur aus diesen beiden Elementen besteht. Weder Farbe noch Ton sind notwendig. Damit will ich nicht sagen, daß Ton- oder Farbfilme nicht auch Kunstwerke sein können, aber der stumme Schwarz-Weiß-Film ist der <Film an sich>, weil er aus den filmischen Grundelementen, Bild und Bewegung, besteht. Der Tonfilm ist nur eine Erweiterung dieser neuen Kunstform - eine schöne und wunderbare Bereicherung. Besteht der stumme Schwarz-Weiß-Film aus zwei Elementen, so der Tonfilm aus drei. Infolgedessen ist es schon schwieriger, einen künstlerischen Tonfilm als einen künstlerischen Stummfilm zu machen.

    Der Regisseur eines guten Stummfilms muß zwei Gaben besitzen: Erstens alles, was er mit seinen Augen wahrnimmt, ins Optische umsetzen können, und zweitens ein angeborenes Gefühl für Rhythmus und Bewegung haben. Außerdem müßte er musikalisch sein, nicht auf irgendeinem Gebiet spezialisiert, sondern er sollte filmisch musikalisch sein. Das hat mit der üblichen Musikalität wenig zu tun.

    Ein Beispiel: Es kann jemand sehr musikalisch sein, aber nicht fühlen, daß diese Musik zu den Bildern nicht paßt. Es stört ihn nicht, wenn irgendeine klassische oder moderne Musik als Untermalung bestimmter Filmszenen verwendet wird. Dem begabten Filmschöpfer aber wird sich der Magen umdrehen. Bei der Gestaltung seines Films fühlt er, auch wenn er selbst nicht ausübender Musiker ist, was für eine Musik zu den Bildern gehört - unbewußt komponiert er mit. Er spürt, diese Aufnahmen vertragen überhaupt keine Musik, sie würde die Bildwirkung zerstören - hier gehören realistische Töne hin - und hier darf die Musik nur diesen Rhythmus, diesen Ausdruck, diese Instrumentation und diese Lautstärke besitzen. Es ist ihm unerträglich, wenn der Ton zu laut oder zu leise ist. Übrigens wird es viel seltener gute Tonfilme als gute Stummfilme geben. Nur wenige Menschen besitzen diese dreifache Gabe und können ihre einzelnen Elemente harmonisch miteinander verbinden. Auch das ist entscheidend. Keines dieser Elemente darf das Übergewicht haben, schon eine Disharmonie der Kräfteverteilung zueinander wird nie ein vollendetes Kunstwerk entstehen lassen.

    Unendlich viel schwieriger verhält es sich beim Farbfilm. Denn hier bedarf es noch einer vierten Begabung. Ein Gefühl für Farben oder Talent zum Malen allein genügt nicht, wie viele glauben. Der Regisseur, der sich zu einem künstlerischen Farbfilm befähigt fühlt, sollte zu den vorher genannten Talenten auch die Gabe haben, die Farbe <filmisch> zu handhaben. Er kann dadurch die dramaturgische Wirkung wesentlich steigern, da Farben verschiedene Gefühle auslösen. Zum Beispiel ist <blau> eine feminine, romantische Farbe und im Gegensatz dazu <rot> eine Farbe, die Lebensfreude, Vitalität und Leidenschaft ausdrückt. es muß aber auch beachtet werden, daß zu viele oder zu bunte Farben die Wirkung der Bilder zerstören können. Die Farbe sollte sich harmonisch eingliedern  und in künstlerischer Wechselwirkung die anderen Elemente des Films ergänzen. Durch diese neue vierfache Kombination von Bild-Bewegung, Ton und Farbe kann Film auch Kunst werden.

    Käme nun noch die Erfindung des plastischen Films hinzu, so erhöhten sich die Schwierigkeiten, einen künstlerischen Film zu schaffen, ins Unendliche. Diese fünf Elemente würden sich nicht vertragen. Sie würden den Film als Kunstwerk das Leben auslöschen. Es entstünde eine Überrealität, die sich von der Kunst entfernen würde."

 

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