(Quelle:
Leni Riefenstahl: Memoiren / Albrecht Knaus-Verlag
- München Hamburg 1987 - Seite 333-335).
"Ich
bejahe diese Frage. der Film ist eine Kunst wie andere Künste auch, aber sie
steckt noch in den Kinderschuhen. Er hat aber alle Voraussetzungen, ein ebenso
künstlerisches Erlebnis zu werden, wie es das Schaffen eines Rodin, eines
Beethovens, Leonardo da Vinci oder Shakespeare vermitteln kann. Allerdings
nicht der Film, den wir heute kennen, sondern der Film, den es erst in der
Zukunft geben wird. Selbst die besten aller Filme, die wir bisher gesehen
haben, lassen nur ahnen, was der Film als Kunstwerk für Möglichkeiten hat.
Diese neue Kunst ist von den andren Künsten unabhängig.
Es wäre nicht richtig zu sagen, die Filmkunst sei besonders verbunden mit der
Malerei oder der Musik, oder der Literatur - nein - sie berührt zwar diese
Kunstarten, aber das Wort, das die Filmkunst charakterisiert, ist
<filmisch>. Unter <filmisch> verstehe ich vor allem bewegte
Bilder, was keine andere Kunstart zu bieten hat, nur der Film ist bewegtes
Bild. Er hat seine eigenen Gesetze. Bei einem künstlerischen Film muß alles
nach diesen Gesetzen geschaffen sein, das Thema, die Regie, die Darstellung,
die Fotografie, die Architektur, der Ton und der Schnitt. Ein absolut sicheres
Stilgefühl ist das Wichtigste, was ein Regisseur haben sollte.
Eine weitere wichtige Voraussetzung für einen
Filmregisseur ist, daß er ein Gefühl für Dynamik, Aufbau und Rhythmus hat.
Die Verteilung der Höhepunkte in einem Film ist von großer Bedeutung -
Spannung und Entspannung muß man im richtigen Wechsel finden. Die Bildfolge
kann durch den Bildschnitt hundertfach verändert werden. Ist der
Filmregisseur, der eigentlich auch immer der Cutter seines Films sein sollte,
ein musikalisch begabter Mensch, dann komponiert er mit den Bildern und Tönen
wie ein Musiker nach den Gesetzen des Kontrapunktes.
Der Cutter kann die Bilder im wilden Rhythmus tanzen oder
in traumhafter Langsamkeit vorbeiziehen lassen, er kann aus den Bildern eine
Orgie sinnloser Zufälligkeiten dichten und er kann mit denselben Bildern eine
logisch klare Handlung aufbauen.
Der Regisseur - Gestalter des Ganzen - müßte im Idealfall
alles beherrschen. Ein Gemälde kann nicht von vielen Händen gemalt, eine
Sinfonie nicht von verschiedenen Musikern komponiert werden. Die Beherrschung
aller Mittel ist erste Voraussetzung, um ein Kunstwerk zu schaffen,
leidenschaftliche Visionen sind mehr Trieb als Vernunft - ideal, wenn beides
zueinander im Gleichgewicht ist. Der schöpferische Prozeß, die Geburt kann
chaotisch sein, die spätere Formung, die Verwirklichung und Ausführung,
bewußt.
Sind diese Vorbedingungen gegeben, dann ist es möglich,
mit dieser <jüngsten> aller Künste ebenso große Kunstwerke zu
schaffen wie mit der Architektur, der Musik, der Malerei.
Was unterscheidet Film von den anderen Künsten? Er ist in
erster Linie bewegtes Bild, das bedeutet, die Grundelemente sind Bild und
Bewegung, und zwar untrennbar miteinander verbunden, das heißt, der Film kann
Kunst sein, wenn er nur aus diesen beiden Elementen besteht. Weder Farbe noch
Ton sind notwendig. Damit will ich nicht sagen, daß Ton- oder Farbfilme nicht
auch Kunstwerke sein können, aber der stumme Schwarz-Weiß-Film ist der
<Film an sich>, weil er aus den filmischen Grundelementen, Bild und
Bewegung, besteht. Der Tonfilm ist nur eine Erweiterung dieser neuen Kunstform
- eine schöne und wunderbare Bereicherung. Besteht der stumme
Schwarz-Weiß-Film aus zwei Elementen, so der Tonfilm aus drei. Infolgedessen
ist es schon schwieriger, einen künstlerischen Tonfilm als einen
künstlerischen Stummfilm zu machen.
Der Regisseur eines guten Stummfilms muß zwei Gaben
besitzen: Erstens alles, was er mit seinen Augen wahrnimmt, ins Optische
umsetzen können, und zweitens ein angeborenes Gefühl für Rhythmus und
Bewegung haben. Außerdem müßte er musikalisch sein, nicht auf irgendeinem
Gebiet spezialisiert, sondern er sollte filmisch musikalisch sein. Das hat mit
der üblichen Musikalität wenig zu tun.
Ein Beispiel: Es kann jemand sehr musikalisch sein, aber
nicht fühlen, daß diese Musik zu den Bildern nicht paßt. Es stört ihn
nicht, wenn irgendeine klassische oder moderne Musik als Untermalung
bestimmter Filmszenen verwendet wird. Dem begabten Filmschöpfer aber wird
sich der Magen umdrehen. Bei der Gestaltung seines Films fühlt er, auch wenn
er selbst nicht ausübender Musiker ist, was für eine Musik zu den Bildern
gehört - unbewußt komponiert er mit. Er spürt, diese Aufnahmen vertragen
überhaupt keine Musik, sie würde die Bildwirkung zerstören - hier gehören
realistische Töne hin - und hier darf die Musik nur diesen Rhythmus, diesen
Ausdruck, diese Instrumentation und diese Lautstärke besitzen. Es ist ihm
unerträglich, wenn der Ton zu laut oder zu leise ist. Übrigens wird es viel
seltener gute Tonfilme als gute Stummfilme geben. Nur wenige Menschen besitzen
diese dreifache Gabe und können ihre einzelnen Elemente harmonisch
miteinander verbinden. Auch das ist entscheidend. Keines dieser Elemente darf
das Übergewicht haben, schon eine Disharmonie der Kräfteverteilung
zueinander wird nie ein vollendetes Kunstwerk entstehen lassen.
Unendlich viel schwieriger verhält es sich beim Farbfilm.
Denn hier bedarf es noch einer vierten Begabung. Ein Gefühl für Farben oder
Talent zum Malen allein genügt nicht, wie viele glauben. Der Regisseur, der
sich zu einem künstlerischen Farbfilm befähigt fühlt, sollte zu den vorher
genannten Talenten auch die Gabe haben, die Farbe <filmisch> zu
handhaben. Er kann dadurch die dramaturgische Wirkung wesentlich steigern, da
Farben verschiedene Gefühle auslösen. Zum Beispiel ist <blau> eine
feminine, romantische Farbe und im Gegensatz dazu <rot> eine Farbe, die
Lebensfreude, Vitalität und Leidenschaft ausdrückt. es muß aber auch
beachtet werden, daß zu viele oder zu bunte Farben die Wirkung der Bilder
zerstören können. Die Farbe sollte sich harmonisch eingliedern und in
künstlerischer Wechselwirkung die anderen Elemente des Films ergänzen. Durch
diese neue vierfache Kombination von Bild-Bewegung, Ton und Farbe kann Film
auch Kunst werden.
Käme nun noch die Erfindung des plastischen Films hinzu,
so erhöhten sich die Schwierigkeiten, einen künstlerischen Film zu schaffen,
ins Unendliche. Diese fünf Elemente würden sich nicht vertragen. Sie würden
den Film als Kunstwerk das Leben auslöschen. Es entstünde eine
Überrealität, die sich von der Kunst entfernen würde."
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