Diverses

 

1. Asta Nielsen:
    "Woraus besteht das Leben eines Künstlers?"

2. Lotte H. Eisner:
    Zu Ehren von Asta Nielsen
    (Artikel zum 80. Geburtstag von Asta Nielsen)

 

* * * * * 

 

 

 

Asta Nielsen im Film "Zapatas Bande" (1914)

 

 

Woraus besteht das Leben eines Künstlers?

 

Aus einer Zeit, da Du von den anderen abhängst,
und einer, da die anderen von dir abhängen,
aus einer Zeit, da die Menge dich verachtet,
und einer, da du die Menge verachtest;
aus einer Zeit, da der Künstler vergeblich an die Tür der Kunst klopft,
und einer, da die Kunst den Künstler beherbergt.
Aus einer Zeit, da das Geld dem Künstler spottet,
aus einer Zeit, da das Werk für fast nichts verkauft wird,
und einer, da Millionen das Werk nicht erkaufen können.
Aus einer Zeit, da die Nation den Künstler zugrunde gehen läßt,
und einer, da ohne den Künstler die Nation verdirbt;
aus einer Zeit, da dein Vaterland dich berühmt macht,
und einer, da du dein Vaterland berühmt machst.
Aus einer Zeit, da du weinst über zuviele Neider,
und einer, da du leidest, weil du keine mehr hast;
aus einer Zeit, da du nur "ein Einzelnes" bist,
und einer, da du vielfältig wirst.
aus einer Zeit, da du sammelst,
und einer, da du verschwendest;
aus einer Zeit, da du der Gefangene deiner Form bist,
und einer, da dich deine Form freigibt.
Und es kommt
eine Zeit, da dein Ruf deinen Erfolg verstärkt,
und eine, da dein Erfolg deinen Ruf vergrößert,
eine Zeit, da dein Ruhm deinen Genius übertrifft,
und eine, da dein Genius Deinen Ruhm überwächst;
eine, da dein Streben so niedrig ist,
daß die Menge herankann,
und eine, daß es so hoch ist,
daß die Menge dich aus den Augen verliert.

 

(Ein Text von Asta Nielsen, kurz vor ihrem Tod am 25. Mai 1972 verfaßt;
Quelle:
Seydel, R.; Hagedorff, A. : Asta Nielsen. Eine Bildbiographie; Berlin, 1981)

 

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Zu Ehren von Asta Nielsen

von Lotte H. Eisner   (1961, zum 80. Geburtstag von Asta Nielsen)

Sie konnte in »Engelein« oder in »Das Liebes-ABC« das schalkhafte junge Mädchen spielen, - und die großen Tragödinnen -Augen funkelten vor Übermut und wurden zu strahlenden Lichtern. Nie geschah es, daß sie süßlich-schön wirkte, nie wurde ihr Spiel zu peinlicher Travestie. Und sie konnte auf der Bühne oder im Film Männerhosen tragen, ohne daß auch nur die Andeutung einer Zweideutigkeit entstand. Denn Asta Nielsens Erotik ist meilenweit entfernt von allem, was man equivoque nennen könnte;  bei ihr handelt es sich stets um wirkliche und echte Leidenschaft. 
Ihre Fransenfrisur (»die Asta-Frisur«) führte sie oft - wie es auch ihren Kolleginnen passierte -in das Vampfach; aber nie ist sie gefühlskalt und berechnend; man ahnt bei ihr stets etwas von dem verzehrenden, inneren Feuer, das nicht nur die Männer, sondern auch sie selbst vernichten wird. Man kann daher Asta Nielsen nicht in einem festen Schema unterbringen -ähnlich wie das zum Beispiel bei der Garbo möglich ist, der man das Etikett »geheimnisvoll göttlich« aufgeklebt hat. Und es ist bezeichnend, daß Asta Nielsen -eben weil sie über ihr Antlitz und ihre ganze Eigenart wachte -nie in Hollywood engagiert und umgeformt wurde. Sie ist typisch nordisch, geradezu legendär nordisch, so wie die Gestalten in der Edda; und, obwohl sie in ihrem eigenen Lande, Dänemark, verschwindend wenig gefilmt hat, ist sie im deutschen Film stets die Skandinavierin geblieben; dies nicht nur, weil die Dänen Urban Gad und Svend Gade ihre Spielleiter waren; die zugleich kühle und glühende Aura umgab sie auch dort, wo deutsche Spielleiter wie Pabst und Bruno Rahn auf sie einzuwirken suchten.

Und doch ist diese Frau, die für uns zum Bild ihrer Zeit geworden ist, von Film zu Film ständig erneuert, ständig variiert: als Hamlet ist sie elastisch wie eine Damaszener-Klinge - die Jeanne d'Arc von Dänemark. Wer wollte sich verwirren lassen dadurch, daß Hamlet von einer Frau gestaltet wird? Bei Asta Nielsen begegnen wir als Hamlet nicht den Fanfaren der Sarah Bernhardt, nicht den peinlich üppigen Kurven. Der seelenvolle Blick, die schlanke Gestalt, ihre seltsame, kultivierte Bleichheit machte Asta Nielsen einfach in Vollendung zu Shakespeares dänischem Prinzen - genauso, wie wir diesen Prinzen sehen wollten. Sie wurde zu einer dämonischen Lulu; zu der Lilith-Figur in Jeßners Film nach Wedekinds »Erdgeist«: ein eng anschmiegendes, schwarzes Paillettenkleid mit langer Schleppe machte sie zum Reptil - der körperliche Ausdruck und das Kostüm verschmelzen zu einer Einheit. Sie hat den schleppenden, beinahe steifen Gang der elenden, schwindsüchtigen, proletarischen Figur in Pabsts »Die freudlose Gasse«. Wunderbar ist es, zu sehen, wie sie zu der mit Juwelen behängten Kleiderpuppe des Kriegsgewinnlers wird, wie innerlich unberührt ihr Wesen ist von der Pracht, die sie umgibt. Am Eingang zu Frau Greiners Rendezvous-Hotel steht sie versteinert, mit dem kalten Glanz eines exotischen Abgottbildes. Als sie dann vor dem Richter über ihren Mord berichtet, flattern lediglich ihre kummervollen Hände gleich verirrten Vögeln über die Leinwand. Wer macht ihr das nach? Und mit welchen anderen Händen hätte Pabst einen so starken, nachhaltigen Eindruck schaffen können?

Schweren Schrittes geht sie als die alte Prostituierte ihres Weges, an den grauen Mauem entlang, nachdem in der »Dirnentragödie« das junge Straßenmädchen ihr den Geliebten ausgespannt hat. Langsam, unendlich müde schminkt sie sich ab, streicht alle Leidenschaft ab und sinkt zurück ins Nichts. In solchen Augenblicken stehen die Herzen der Zuschauer still - man ist einfach nicht mehr fähig, die einmalige Intelligenz in dieser großen Schauspielkunst zu analysieren, wo jede Geste, jedes Mienenspiel, jede Bewegung des Körpers zusammen die natürlichen, absolut instinktiven Elemente auszumachen scheinen.
Was entspricht wohl mehr Stendhal als ihre »Vanina«, die vergeblich kämpft, um die Pforte zu öffnen, hinter der ihr Geliebter gepeinigt wird? Sie ist vollends zusammengesunken, in dieser Situation nicht einmal mehr fähig, die Hände reden zu lassen -und losgelöst von allem Verkrampften spricht aus allen Linien ihres Körpers ein unsagbarer Schmerz.
Haben wir es bei Asta Nielsen mit der langsamen Reife einer Kunst zu tun, in der Rhythmus und Harmonie die zwei Pole sind? Vielleicht ist ihr erster Film ihr bester: der dänische Film »Afgrunden« (Abgründe), wo sie die ins Leben' gerufene Figur einer Daguerreotypie zu sein scheint: mit flatternden Röcken und einem altmodischen Kleid, Dinge, die zu selbstverständlichen Requisiten ihrer stürmischen Leidensgeschichte werden.

Sie kommt zum Film mit den großen Erfahrungen des Theaters, das dürfen wir nicht vergessen. Die vielen Facetten in ihrer Kunst werden zu einem Ganzen; in einer eigenartig beseelten Form glückt ihr die Synthese. Das Spiel im Theater einerseits und im Film andererseits ist bei ihr nicht mehr durch eine Kluft getrennt - die große Schauspielerin ist unendlich »filmisch«. Ihr Ausdruck, ihre ganze Kunst des Gestaltens, die sämtliche Nuancen beherrscht, schafft aus einem Melodram etwas, das uns zutiefst bewegt. Ihre Filme wirken daher nie veraltet - sie ist einfach ewig. Und deshalb darf sie in ihren letzten Filmen ruhig gealtert sein: es ist Wehmütiges um sie, etwas wie ein sterbender Herbst; wir werden ergriffen von den Molltönen in ihrem Antlitz und in ihrem schlanken Körper.
Genau wie Asta Nielsen es stets verstand, sich zeitlos zu kleiden, verstand sie auch, daß die kurze Montage des neuen amerikanischen Filmstils nichts für sie war. Ihre Spielleiter erfaßten sie in anhaltenden Einstellungen, um ihr tragisches Spiel sich vollends entfalten und in die Tiefe gehen zu lassen; um nicht durch Schnitt und schnell veränderte Einstellung die seelischen Reaktionen zu stören, die nach und nach eintraten. 
In dem ersten Jahrzehnt überließ man sogar ihrer großen Begabung jede Entwicklung und Pointierung der Schauspielerin - zum Beispiel, wenn es in einer Szenenanweisung heißt: »Astas Kind stirbt. ..jetzt beginnt ihre große Szene. ..«

Auch in den zwanziger Jahren, als das Manuskript ihr hinsichtlich ihrer Haltung Vorschriften machte, bleibt Asta Nielsen vollkommen souverän; sie füllt die Rolle völlig aus; sie schafft Menschen in allen Schattierungen, im vollkommenen Relief. Sie ist einfach die Figur, die allein sie verkörpern und beseelen kann. 
Und wir entdecken, daß sie nicht nur wie Gabriele d'Annunzios Heldinnen der Ausdruck einer Epoche mit allen ihren komplizierten Schwingungen ist; daß sie nicht nur, wenn wir heute ihre Filme sehen, die Generation der Arabeske von neuem belebt -einer Generation, die stets durch Beardsley geprägt war; wir entdecken, daß Asta Nielsen viel mehr ist als eine mehr oder weniger flüchtige Reminiszenz, daß sie vielmehr eine der allergrößten Filmtragödinnen ist: Antigone und Elektra, Salome und Jeanne d'Arc, Hedda Gabler sowie andere von großen Problemen heimgesuchte lbsensche Gestalten: alle leben in Asta Nielsen. Und gerade das ist für alle Zeiten ihre besondere Größe.

 

(Quelle: Seydel, R.; Hagedorff, A. : Asta Nielsen. Eine Bildbiographie; Berlin, 1981)

 

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In einem Gespräch zwischen der dänischen
Filmwissenschaftlerin Marguerite Engberg
und Asta Nielsen, das sie 1966 führten, fragte
Frau Engberg: »Es haben viele über Sie und
Ihre Kunst geschrieben. Ist darunter jemand,
der es besonders gut gemacht hat?« Und Asta
Nielsens Antwort war: »Es ist unmöglich,
einen Einzelnen hervorzuheben. Soll es aber
sein, will ich gerne Lotte H. Eisner für ihren
Artikel in >Kosmorama< zu meinem 80. Ge-
burtstag danken. Er war ja auf Dänisch
geschrieben und konnte von allen hier in
Dänemark verstanden werden.«

 

 

 

 

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