
4. Fortsetzung folgt
Asta Nielsen, sie war nicht nur die erste große Filmschauspielerin,
bewunderte und verehrte Film-Diva und beeindruckende Theaterschauspielerin, sie
war auch, wie man aus Inhalt und Stil ihrer Autobiografie erschließen kann,
eine zutiefst künstlerische und menschliche Persönlichkeit, die sich daher
konsequenterweise dem seit 1933 an die Macht gekommenen, menschenverachtenden
Regime trotz verlockender Angebote abwandte, auch wenn das das Ende ihrer
Filmkarriere bedeutete.
Asta Sofie Amalie Nielsen wurde am 11. September 1881 in
Kopenhagen in eine einfache Arbeiterfamilie
geboren. Ihre Schwester Johanne war viereinhalb Jahre zuvor geboren worden.
"In einer hoffnungslosen Zeit der Armut und des Siechtums kam ich zur
Welt. Was sich mit ein paar Kronen beleihen ließ, war ins Pfandhaus gewandert.
Es gab keine Feuerung für den Ofen, die Speisekammer war leer. Was sich meine
Mutter während der letzten Monate in den Waschküchen erarbeiten und zur Seite
legen konnte, reichte gerade für die Hebamme."
Als der Vater Jens Christian Nielsen (1847-1895) nach langer Arbeitslosigkeit
eine Stelle als Geselle in einer Dampfmühle in Malmö antreten konnte, siedelte
die Familie mit der eineinhalb Jahre alten Asta um nach Schweden. Sieben Jahre
lebte die Familie in der ärmlichen Verhältnissen. Als die Gebäude der
Dampfmühle abgerissen werden sollten, verlor Nielsen seine Stellung und nach
erfolgloser Arbeitssuche kehrte die Familie 1890 nach Kopenhagen zurück. Astas
schon längere Zeit von Krankheit gezeichneter Vater starb 1895, kurz vor Astas
14. Geburtstag.
Nun mußte die Mutter Ida Frederikke Nielsen (1843-?) allein
für die Familie aufkommen. Einsamkeit und Verbitterung der Mutter führten zu
einem besonders engen Verhältnis von Asta mit ihrer viereinhalb Jahre älteren
Schwester Johanne.
1901 wurde Astas Tochter Jesta geboren,
über deren Vater sie sich immer ausschwieg. Zu einer Heirat mit ihrem damaligen
Verlobten, über den nie mehr zu erfahren war, konnte sich Asta trotz Drängen
ihrer Eltern nicht entschließen.
"Statt einem zufälligen Vater hat Jesta drei Mütter
gehabt: meine Mutter, meine Schwester Johanne und mich, besser konnte sie nicht
fahren."
Bis zu ihrem tragischen Tod im Jahr 1964 stand Jesta immer im Mittelpunkt
von Asta Nielsens Leben.
Den ersten Kontakt zum Theater bekam Asta,
als sie im Chor des Königlichen Theaters mitwirkte. Die Schule beendete sie mit
14 Jahren. Ein erster Theaterbesuch, den sie anstelle ihrer Schwester erleben
durfte (H. Ibsens "Frau Inger auf Ostraat") weckte Ihren Wunsch,
Schauspielerin zu werden.

"Ich wollte
Schauspielerin werden! Jetzt wußte ich, daß es für mich nur einen Weg gab:
das Theater!"
"Ich selbst
beschäftigte mich, unterstützt von Johanne, nur mit dem Theater. Vaters Tod
hatte noch mehr zu meinem Wunsch beigetragen, tragische Schicksale zu gestalten.
Mein ganzes Herz war so voll Trauer, daß ein einzelner Mensch sie nicht zu
tragen vermochte. Ich wollte für alle Kranken, Armen und Kummervollen sprechen,
und die einzige Möglichkeit dafür schien mir das Theater zu sein."
"Meine frühen
Jugendjahre gingen dahin, ohne daß ich mich jung und froh fühlte wie andere
junge Leute. Meine einzige Freude war die Hoffnung auf eine Zukunft am
Theater."
In Ihrem Wunsch, an die Schauspielschule
des Königlichen Theaters in Kopenhagen aufgenommen zu werden, wurde der
Schauspieler Peter Jernsdorff (1842-1926) ihr erster Schauspiellehrer und
Förderer, über den sie auch ein Stipendiun um für die Schauspielschule
erhielt. Da sie jedoch am Königlichen Theater keine ihrem Talent und ihren
Wünschen angemessenen Rollen erhielt, wechselte Asta Nielsen ans
Dagmar-Theater, wo sie von 1902 bis 1905 unter Vertrag stand. Doch auch dieses
Engagement verlief letztendlich enttäuschend, da sie lediglich kleine Rollen
angeboten bekam.

"Die Aufgaben, die ich
erträumt und auf die ich gehofft hatte, blieben aus. Um so mehr konnte ich mich
während der wenigen Minuten austoben, da ich mich im Rampenlicht sonnte. Ich
stattete meine Figuren mit einer Phantasie aus, die jeden Rahmen sprengte, in
dem ich sie hätte halten müssen. Ich war glücklich, überhaupt aus meinem
Schattendasein heraustreten zu dürfen, und ich erreichte zumindest, daß man
mich bemerkte. Dieses Schattendasein gab meiner angeborenen Melancholie
natürlich in hohem Maße Nahrung. Ich zog mich in mich selbst zurück und
fühlte mich völlig einsam in der bunten Welt, die sich um mich her
entfaltete."
Aufgrund fehlender Perspektiven für ihre
weitere künstlerische Entwicklung schloß sie sich von 1905 bis 1908 dem
Künstler-Ensemble "Acht" für eine Tournee durch Schweden und
Norwegen an. Diese Tournee-Reise mit ersten Erfolgen wurde für Asta ein großes
Erlebnis. Zurückgekehrt nach Dänemark trat Asta Nielsen 1908 ein dreijähriges
Engagement am neu eröffneten "Neuen Theater" in Kopenhagen an.
Ihre erste Begegnung mit der
neuen "Kunst"-Gattung Film schildert Asta Nielsen zunächst als sehr
zurückhaltend, da der Film zur damaligen Zeit noch nicht künstlerisch
etabliert war und eher etwas anrüchig-exotisches darstellte, insbesondere für
Theaterschauspieler, denen es damals meist auch vertraglich verboten war, an
einer Film-Produktion mitzuarbeiten. Das erste Drehbuch-Angebot des norwegischen
Dichters Thomas Krag lehnte sie daher auch ab. Doch schwindendes
Publikumsinteresse am Theater und das Zusammentreffen mit dem am Theater als
Ausstatter tätigen Schriftsteller Urban Gad (1879 - 1947), der das Manuskript
"Abgründe" verfaßte, setzten 1910 den Startpunkt für Asta Nielsens
Interesse am Film und ihre Film-Karriere. Das Genre Film, mit den von Urban Gad
auf sie abgestimmten Hauptrollen, ermöglichte es Asta Nielsen erstmals, auch in
dramatischen Rollen die vielfältigen Möglichkeiten ihres Ausdrucks
auszuschöpfen.
"Ich glaube,
nicht viele Charaktere oder Schicksale nennen zu können, die darzustellen mir
nicht beschieden gewesen wäre. Tragödien wechselten mit Lustspielen, die von
der Gesellschaft Ausgestoßenen mit strahlenden Frauengestalten, zappelige
Backfische mit armen Blinden, und diese wieder wurden von romantischen
Zigeunerinnen und strahlenden Abenteuerinnen abgelöst. Solch ein Repertoire
führte mich in den Ateliers mit Menschen aller Gesellschaftsschichten zusammen.
Das Leben selbst rollte in mannigfacher Form vor mir ab und half meiner
Phantasie ständig weiter auf neuen Wegen."
"Abgründe", ein zweiaktiges Theater-Drama mit Asta
Nielsen als Hauptdarstellerin, wurde unter primitiven äußeren Bedingungen
innerhalb einer Woche unter der Regie von Urban Gad gedreht und am 12. September
1910 im Kosmorama-Kino des Geldgebers für den Film, Hjalmar Davidsen,
uraufgeführt. Zur Überraschung aller beteiligten, die vom Bildmaterial
zunächst enttäuscht waren, wurde der 45-minütige Film rasch ein großer
Erfolg. Trotzdem fanden sich in Dänemark keine Finanziers für einen zweiten
Film. Dies führte dazu, daß sich Asta Nielsen und Urban Gad nach neuen
Möglichkeiten zur Verwirklichung weiterer Filmprojekte umsahen, und diese, wenn
auch zunächst unter schwierigen finanziellen Bedingungen, in Berlin als gegeben
vorfanden.

Somit verließ Asta Nielsen 1911 Kopenhagen, um in Berlin ihre
beispiellose Stummfilmkarriere zu beginnen. 1911 wurde in Düsseldorf bereits
ein Lichtspielhaus ("Asta Nielsen-Lichtspiele") auf ihren Namen
benannt, und man komponierte sogar einen Asta Nielsen-Walzer.
Nachdem die beiden
ersten Filme in Deutschland, "Heißes Blut" (1911) und
"Nachtfalter" (1911), erneut unter der Regie von Urban Gad, jedoch nun
mit dem versierten Kameramann Guido Seeber, großen Erfolg gebracht hatten,
engagierte die "Deutsche Bioscop" Asta Nielsen für weitere acht
Filme. Für diese geplanten Filme ließ die "Deutsche Bioscop" das
erste große deutsche Filmatelier in Neu-Babelsberg errichten. Aufgrund der
zunehmenden Filmengagements, nun für die neu gegründete "Internationale
Film-Vertriebsgesellschaft" beendete Asta Nielsen ihre Theater-Karriere und
verlegte ihre künstlerische Heimat nach Berlin.
Geschickt hatte sie in ihren
Verhandlungen eine Beteiligung an den Filmproduktionen durchgesetzt und behielt
auch immer Einfluß auf Regie, Schnitt und Zusammenstellung ihrer Filme. Sie
setzte sich ein für ansprechende Filmplakate und kämpfte um ebenbürtige
Filmpartner. Trotz allem war sie häufig noch mit dem künstlerischen Niveau der
damaligen Filme unzufrieden.
"Der
Handlungskitsch war eine, wenn auch bedauerliche, Konzession zur Popularisierung
des Films. Wenn ich aber sehen muß, daß leider der Kitsch im Film auch heute
noch vielfach regiert, so schaudere ich vor dem Gedanken meiner offenbaren
Mitschuld aus jener Frühzeit des Films." (1928)
"Ich war von
einer damals noch ungewohnten und wenig geschätzten Schlankheit, die allgemein
für mager oder doch überschlank galt. Daher bot ich der Karikatur zu jener
Zeit einen ungewöhnlichen, um so willkommeneren Anlaß. Dieser Umstand mag
nicht zuletzt zu meiner Popularität beigetragen haben."
Am 11. Mai 1912 heiratete Asta
Nielsen ihren Regisseur und Drehbuchautor, den dänischen Schriftsteller Urban
Gad, und sie verlegten ihren Wohnsitz im Hinblick auf die weitere Karriere
endgültig nach Berlin.
Ihr Engagement bei der
"Internationalen Film Vertriebsgesellschaft" sah die Produktion von je
8 Filme in den Jahren von 1912 bis 1914 vor, die von der Union-Gesellschaft in
Berlin mit jeweils monatlichen Uraufführungen während einer Aufführungssaison
präsentiert wurden.
Mit den oft einfachen, teils kitschigen Handlungen dieser Vorkriegsfilme war
Asta Nielsen künstlerich zwar unzufrieden, sah sich aber immerhin dadurch
getröstet, daß die damaligen Drehbücher und Manuskripte ihr als
Schauspielerin viel freien Raum zur individuellen Darstellung offen ließen,
wobei es sich, wie zur damaligen Zeit üblich, in der Regel um ausgespielte
Szenen, das heißt ungeschnittene Szenen, handelte. Trotz dieser Einschränkung
verhalfen ihr diese Filme, u.a. "Komödianten", Jugend und
Tollheit", "Die Suffragette", "Engelein", zu großer
Popularität.
"Asta Nielsen 'zieht' nach wie vor. Man drängt sich
wie bei Hungersnot an Bäckertüren und bricht um ein Billett sich fast die
Hälse. Dabei gibt es zahlreiche Leute, die den Film zwei- und dreimal kurz
hintereinander ansehen und immer wieder entzückt sind.
(Dr. A. Elster in Bild und Film, Heft 8 1913/1914 zum Film "Engelein")
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Asta
Nielsen und Urban Gad in Granada |

Szenenbild
aus "Der Tod in Sevilla" |
Der Ausbruch des ersten
Weltkriegs zwang Asta Nielsen nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages mit der
"Internationalen Film Vertriebsgesellschaft" ab Herbst 1914 zu einer
fast zweijährigen künstlerischen Pause, in der keine Filme entstanden und die
sie teils auf Reisen durch Spanien und die Schweiz verbrachte.
Eine Berliner Filmgesellschaft bot ihr schließlich einen Vertrag über acht
herzustellende Filme an, die im Sommer 1916 in den Union Ateliers in Berlin
gedreht wurden, von denen jedoch schließlich nur zwei Filme, "Dora
Brandes" und "Aschenbrödel" fertiggestellt werden konnten. Die
Fertigstellung der übrigen sechs Filme scheiterte an widrigen Bedingungen und
die Negative gingen schließlich völlig verloren.
Die Erkrankung ihrer Tochter führte Asta Nielsen zurück nach Kopenhagen, von
wo ihr eine Rückreise nach Berlin vor Kriegsende nicht mehr möglich war.
1918 wurde Asta Nielsen von Urban
Gad, ihrem Ehemann und Regisseur von 33 gemeinsamen Filmen, geschieden, nachdem
sie bereits seit Ende 1915 getrennt gelebt hatten. Am 31. 12. 1919 heiratete
Asta Nielsen den schwedischen Oberleutnant und Sohn eines Reeders, Freddy
Wingaardh.
Fortsetzung in Vorbereitung

Asta Nielsen im September 1971, an ihrem 90. Geburtstag
* * * * *
"Senkt die Fahnen vor ihr, denn sie ist unerreicht und
niemand kann sich mit ihr vergleichen"
(Béla Bálazs; Filmhistoriker; 1884-1949)
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