Biografie

1. Jugendjahre und erste Theater-Engagements (1881 - 1910)

2. Erste Filmarbeiten (1910 - 1912)

3. Berliner Jahre (1912 - 1937)

4. Fortsetzung folgt

 

Asta Nielsen, sie war nicht nur die erste große Filmschauspielerin, bewunderte und verehrte Film-Diva und beeindruckende Theaterschauspielerin, sie war auch, wie man aus Inhalt und Stil ihrer Autobiografie erschließen kann, eine zutiefst künstlerische und menschliche Persönlichkeit, die sich daher konsequenterweise dem seit 1933 an die Macht gekommenen, menschenverachtenden Regime trotz verlockender Angebote abwandte, auch wenn das das Ende ihrer Filmkarriere bedeutete.

 

1. Jugendjahre und erste Theater-Engagements (1881 - 1910)

Asta Sofie Amalie Nielsen wurde am 11. September 1881 in Kopenhagen in eine einfache Arbeiterfamilie geboren. Ihre Schwester Johanne war viereinhalb Jahre zuvor geboren worden.

"In einer hoffnungslosen Zeit der Armut und des Siechtums kam ich zur Welt. Was sich mit ein paar Kronen beleihen ließ, war ins Pfandhaus gewandert. Es gab keine Feuerung für den Ofen, die Speisekammer war leer. Was sich meine Mutter während der letzten Monate in den Waschküchen erarbeiten und zur Seite legen konnte, reichte gerade für die Hebamme."

Als der Vater Jens Christian Nielsen (1847-1895) nach langer Arbeitslosigkeit eine Stelle als Geselle in einer Dampfmühle in Malmö antreten konnte, siedelte die Familie mit der eineinhalb Jahre alten Asta um nach Schweden. Sieben Jahre lebte die Familie in der ärmlichen Verhältnissen. Als die Gebäude der Dampfmühle abgerissen werden sollten, verlor Nielsen seine Stellung und nach erfolgloser Arbeitssuche kehrte die Familie 1890 nach Kopenhagen zurück. Astas schon längere Zeit von Krankheit gezeichneter Vater starb 1895, kurz vor Astas 14. Geburtstag. 

 

 Nun mußte die Mutter Ida Frederikke Nielsen (1843-?) allein für die Familie aufkommen. Einsamkeit und Verbitterung der Mutter führten zu einem besonders engen Verhältnis von Asta mit ihrer viereinhalb Jahre älteren Schwester Johanne.

1901 wurde Astas Tochter Jesta geboren, über deren Vater sie sich immer ausschwieg. Zu einer Heirat mit ihrem damaligen Verlobten, über den nie mehr zu erfahren war, konnte sich Asta trotz Drängen ihrer Eltern nicht entschließen.
"Statt einem zufälligen Vater hat Jesta drei Mütter gehabt: meine Mutter, meine Schwester Johanne und mich, besser konnte sie nicht fahren."
Bis zu ihrem tragischen Tod im Jahr 1964 stand Jesta immer im Mittelpunkt von Asta Nielsens Leben.

Den ersten Kontakt zum Theater bekam Asta, als sie im Chor des Königlichen Theaters mitwirkte. Die Schule beendete sie mit 14 Jahren. Ein erster Theaterbesuch, den sie anstelle ihrer Schwester erleben durfte (H. Ibsens "Frau Inger auf Ostraat") weckte Ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden.

"Ich wollte Schauspielerin werden! Jetzt wußte ich, daß es für mich nur einen Weg gab: das Theater!"

"Ich selbst beschäftigte mich, unterstützt von Johanne, nur mit dem Theater. Vaters Tod hatte noch mehr zu meinem Wunsch beigetragen, tragische Schicksale zu gestalten. Mein ganzes Herz war so voll Trauer, daß ein einzelner Mensch sie nicht zu tragen vermochte. Ich wollte für alle Kranken, Armen und Kummervollen sprechen, und die einzige Möglichkeit dafür schien mir das Theater zu sein."

"Meine frühen Jugendjahre gingen dahin, ohne daß ich mich jung und froh fühlte wie andere junge Leute. Meine einzige Freude war die Hoffnung auf eine Zukunft am Theater."

In Ihrem Wunsch, an die Schauspielschule des Königlichen Theaters in Kopenhagen aufgenommen zu werden, wurde der Schauspieler Peter Jernsdorff (1842-1926) ihr erster Schauspiellehrer und Förderer, über den sie auch ein Stipendiun um für die Schauspielschule erhielt. Da sie jedoch am Königlichen Theater keine ihrem Talent und ihren Wünschen angemessenen Rollen erhielt, wechselte Asta Nielsen ans Dagmar-Theater, wo sie von 1902 bis 1905 unter Vertrag stand. Doch auch dieses Engagement verlief letztendlich enttäuschend, da sie lediglich kleine Rollen angeboten bekam.

"Die Aufgaben, die ich erträumt und auf die ich gehofft hatte, blieben aus. Um so mehr konnte ich mich während der wenigen Minuten austoben, da ich mich im Rampenlicht sonnte. Ich stattete meine Figuren mit einer Phantasie aus, die jeden Rahmen sprengte, in dem ich sie hätte halten müssen. Ich war glücklich, überhaupt aus meinem Schattendasein heraustreten zu dürfen, und ich erreichte zumindest, daß man mich bemerkte. Dieses Schattendasein gab meiner angeborenen Melancholie natürlich in hohem Maße Nahrung. Ich zog mich in mich selbst zurück und fühlte mich völlig einsam in der bunten Welt, die sich um mich her entfaltete."

Aufgrund fehlender Perspektiven für ihre weitere künstlerische Entwicklung schloß sie sich von 1905 bis 1908 dem Künstler-Ensemble "Acht" für eine Tournee durch Schweden und Norwegen an. Diese Tournee-Reise mit ersten Erfolgen wurde für Asta ein großes Erlebnis. Zurückgekehrt nach Dänemark trat Asta Nielsen 1908 ein dreijähriges Engagement am neu eröffneten "Neuen Theater" in Kopenhagen an.

 

 

 

 

2. Erste Filmarbeiten (1910 - 1912)

Ihre erste Begegnung mit der neuen "Kunst"-Gattung Film schildert Asta Nielsen zunächst als sehr zurückhaltend, da der Film zur damaligen Zeit noch nicht künstlerisch etabliert war und eher etwas anrüchig-exotisches darstellte, insbesondere für Theaterschauspieler, denen es damals meist auch vertraglich verboten war, an einer Film-Produktion mitzuarbeiten. Das erste Drehbuch-Angebot des norwegischen Dichters Thomas Krag lehnte sie daher auch ab. Doch schwindendes Publikumsinteresse am Theater und das Zusammentreffen mit dem am Theater als Ausstatter tätigen Schriftsteller Urban Gad (1879 - 1947), der das Manuskript "Abgründe" verfaßte, setzten 1910 den Startpunkt für Asta Nielsens Interesse am Film und ihre Film-Karriere. Das Genre Film, mit den von Urban Gad auf sie abgestimmten Hauptrollen, ermöglichte es Asta Nielsen erstmals, auch in dramatischen Rollen die vielfältigen Möglichkeiten ihres Ausdrucks auszuschöpfen.

 

"Ich glaube, nicht viele Charaktere oder Schicksale nennen zu können, die darzustellen mir nicht beschieden gewesen wäre. Tragödien wechselten mit Lustspielen, die von der Gesellschaft Ausgestoßenen mit strahlenden Frauengestalten, zappelige Backfische mit armen Blinden, und diese wieder wurden von romantischen Zigeunerinnen und strahlenden Abenteuerinnen abgelöst. Solch ein Repertoire führte mich in den Ateliers mit Menschen aller Gesellschaftsschichten zusammen. Das Leben selbst rollte in mannigfacher Form vor mir ab und half meiner Phantasie ständig weiter auf neuen Wegen."

"Abgründe", ein zweiaktiges Theater-Drama mit Asta Nielsen als Hauptdarstellerin, wurde unter primitiven äußeren Bedingungen innerhalb einer Woche unter der Regie von Urban Gad gedreht und am 12. September 1910 im Kosmorama-Kino des Geldgebers für den Film, Hjalmar Davidsen, uraufgeführt. Zur Überraschung aller beteiligten, die vom Bildmaterial zunächst enttäuscht waren, wurde der 45-minütige Film rasch ein großer Erfolg. Trotzdem fanden sich in Dänemark keine Finanziers für einen zweiten Film. Dies führte dazu, daß sich Asta Nielsen und Urban Gad nach neuen Möglichkeiten zur Verwirklichung weiterer Filmprojekte umsahen, und diese, wenn auch zunächst unter schwierigen finanziellen Bedingungen, in Berlin als gegeben vorfanden.
Somit verließ Asta Nielsen 1911 Kopenhagen, um in Berlin ihre beispiellose Stummfilmkarriere zu beginnen. 1911 wurde in Düsseldorf bereits ein Lichtspielhaus ("Asta Nielsen-Lichtspiele") auf ihren Namen benannt, und man komponierte sogar einen Asta Nielsen-Walzer.

Nachdem die beiden ersten Filme in Deutschland, "Heißes Blut" (1911) und "Nachtfalter" (1911), erneut unter der Regie von Urban Gad, jedoch nun mit dem versierten Kameramann Guido Seeber, großen Erfolg gebracht hatten, engagierte die "Deutsche Bioscop" Asta Nielsen für weitere acht Filme. Für diese geplanten Filme ließ die "Deutsche Bioscop" das erste große deutsche Filmatelier in Neu-Babelsberg errichten. Aufgrund der zunehmenden Filmengagements, nun für die neu gegründete "Internationale Film-Vertriebsgesellschaft" beendete Asta Nielsen ihre Theater-Karriere und verlegte ihre künstlerische Heimat nach Berlin. 

Geschickt hatte sie in ihren Verhandlungen eine Beteiligung an den Filmproduktionen durchgesetzt und behielt auch immer Einfluß auf Regie, Schnitt und Zusammenstellung ihrer Filme. Sie setzte sich ein für ansprechende Filmplakate und kämpfte um ebenbürtige Filmpartner. Trotz allem war sie häufig noch mit dem künstlerischen Niveau der damaligen Filme unzufrieden.

 

"Der Handlungskitsch war eine, wenn auch bedauerliche, Konzession zur Popularisierung des Films. Wenn ich aber sehen muß, daß leider der Kitsch im Film auch heute noch vielfach regiert, so schaudere ich vor dem Gedanken meiner offenbaren Mitschuld aus jener Frühzeit des Films." (1928)

"Ich war von einer damals noch ungewohnten und wenig geschätzten Schlankheit, die allgemein für mager oder doch überschlank galt. Daher bot ich der Karikatur zu jener Zeit einen ungewöhnlichen, um so willkommeneren Anlaß. Dieser Umstand mag nicht zuletzt zu meiner Popularität beigetragen haben."

Am 11. Mai 1912 heiratete Asta Nielsen ihren Regisseur und Drehbuchautor, den dänischen Schriftsteller Urban Gad, und sie verlegten ihren Wohnsitz im Hinblick auf die weitere Karriere endgültig nach Berlin.

 

 

3. Berliner Jahre (1912 - 1937)

Ihr Engagement bei der "Internationalen Film Vertriebsgesellschaft" sah die Produktion von je 8 Filme in den Jahren von 1912 bis 1914 vor, die von der Union-Gesellschaft in Berlin mit jeweils monatlichen Uraufführungen während einer Aufführungssaison präsentiert wurden.
Mit den oft einfachen, teils kitschigen Handlungen dieser Vorkriegsfilme war Asta Nielsen künstlerich zwar unzufrieden, sah sich aber immerhin dadurch getröstet, daß die damaligen Drehbücher und Manuskripte ihr als Schauspielerin viel freien Raum zur individuellen Darstellung offen ließen, wobei es sich, wie zur damaligen Zeit üblich, in der Regel um ausgespielte Szenen, das heißt ungeschnittene Szenen, handelte. Trotz dieser Einschränkung verhalfen ihr diese Filme, u.a. "Komödianten", Jugend und Tollheit", "Die Suffragette", "Engelein", zu großer Popularität. 
"Asta Nielsen 'zieht' nach wie vor. Man drängt sich wie bei Hungersnot an Bäckertüren und bricht um ein Billett sich fast die Hälse. Dabei gibt es zahlreiche Leute, die den Film zwei- und dreimal kurz hintereinander ansehen und immer wieder entzückt sind. 
(Dr. A. Elster in Bild und Film, Heft 8 1913/1914 zum Film "Engelein")

 

Asta Nielsen und Urban Gad in Granada

Szenenbild aus "Der Tod in Sevilla"

 

Der Ausbruch des ersten Weltkriegs zwang Asta Nielsen nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages mit der "Internationalen Film Vertriebsgesellschaft" ab Herbst 1914 zu einer fast zweijährigen künstlerischen Pause, in der keine Filme entstanden und die sie teils auf Reisen durch Spanien und die Schweiz verbrachte.
Eine Berliner Filmgesellschaft bot ihr schließlich einen Vertrag über acht herzustellende Filme an, die im Sommer 1916 in den Union Ateliers in Berlin gedreht wurden, von denen jedoch schließlich nur zwei Filme, "Dora Brandes" und "Aschenbrödel" fertiggestellt werden konnten. Die Fertigstellung der übrigen sechs Filme scheiterte an widrigen Bedingungen und die Negative gingen schließlich völlig verloren.
Die Erkrankung ihrer Tochter führte Asta Nielsen zurück nach Kopenhagen, von wo ihr eine Rückreise nach Berlin vor Kriegsende nicht mehr möglich war.

1918 wurde Asta Nielsen von Urban Gad, ihrem Ehemann und Regisseur von 33 gemeinsamen Filmen, geschieden, nachdem sie bereits seit Ende 1915 getrennt gelebt hatten. Am 31. 12. 1919 heiratete Asta Nielsen den schwedischen Oberleutnant und Sohn eines Reeders, Freddy Wingaardh.

 

 

 

 

Fortsetzung in Vorbereitung

 

 

Asta Nielsen im September 1971, an ihrem 90. Geburtstag

* * * * *

"Senkt die Fahnen vor ihr, denn sie ist unerreicht und niemand kann sich mit ihr vergleichen"
(Béla Bálazs; Filmhistoriker; 1884-1949)

 

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